Vorgestern bekam ich einen Anruf von einem Journalisten (ich hoffe, das ist die richtige Berufsbezeichnung, habe nicht ausdrücklich nachgefragt), der sich dafür interessierte, was die Gründe dafür sind, daß man Homeschooling macht. Das Gespräch kam darauf, daß es (immer mal wieder) doch ein paar Familien - einige räumlich sogar "fast um die Ecke" - gibt, die einen Modus mit den unteren Schulbehörden oder der Schulleitung einer zuständigen Schule gefunden haben, daß und wie sie ihre Kinder zu Hause lernen lassen können und nicht weiter belästigt oder gar verfolgt werden. Und daß dies ja Schritte in die richtige Richtung sind.
Ich weiß, daß vielen Familien hier schon geholfen wäre, wenn wenigstens Fernschulen anerkannt wären, um die Schulpflicht zu erfüllen, oder wenn, wie in Österreich, der häusliche Unterricht legalisiert und am Schuljahresende nach den Anforderungen der staatlichen Lehrpläne überprüft würde. Nicht so für Unschooler - diejenigen, die entsprechende Absprachen finden konnten, daß ihre Kinder dank einer regelmäßigen Überprüfung, die sich selbstredend an den staatlichen Lehrplänen orientiert, unbehelligt zu Hause lernen dürfen, leiden tatsächlich unter dem Joch, das die Orientierung an diesen staatlichen Lehrplänen ihnen auferlegt. Die Kinder leiden darunter und folglich auch die Eltern, die ja dafür Sorge tragen müssen, daß die Überprüfungen mit passablen Ergebnissen absolviert werden - denn wenn dem nicht so wäre, dann wäre es vorbei mit dem geduldeten häuslichen Lernen.
Dabei wird doch ganz vergessen, daß in den Schulen die Zahl derjenigen, die leistungsmäßig "versagen", nicht klein ist. Es wird auch nicht beachtet, daß in Österreich, wo das Modell "häuslicher Unterricht" Tradition hat, die Prüfungen am Schuljahresende in alternativen Schulen abgelegt werden können, die sich genau wie etliche der alternativen Schulen in Deutschland dagegen wehren, die üblichen starren Curricula zu übernehmen, weil sie pädagogisch gesehen Unsinn sind. Ich denke, es gibt in Deutschland mittlerweile seriöse Bestrebungen, das Lernen in den heimischen vier Wänden salonfähig zu machen, aber ich fürchte, die Bedingungen werden recht einschränkend sein.
Für alle Kinder, die an der Schule leiden oder gelitten haben, besonders deshalb, weil sie dort ein abweisendes oder gar traumatisierendes soziales Umfeld erlebten, könnte selbst ein strikt geregelter häuslicher Unterricht in jedem Fall eine Entlastung darstellen. Für Kinder, die mit der Schule deshalb nicht zurechtkommen, weil ihre Lernstrategien so gar nicht mit den althergebrachten Konzepten zusammenpassen oder die tatsächlich in einem oder mehreren Bereichen Lernschwierigkeiten haben, wird es schon schwieriger werden, ein entsprechendes Soll nach festgelegten Lehrplänen und in festgelegter Zeit zu erfüllen. Der strikt geregelte häusliche Unterricht könnte dennoch eine Chance für sie darstellen, da sie von der individuellen Lernbegleitung profitieren könnten und so Blockaden, die in der herkömmlichen Schulsituation nicht auflösbar sind, evt. überwunden werden können. So habe ich beispielsweise von einem Mädchen erfahren, das als lernbehindert eingestuft war und in eine Sonderschule gekommen wäre, das aber im häuslichen Unterricht nach dem Lehrwerk der
Deutschen Fernschule sowohl die erste als auch die zweite Klasse der Grundschule altersgerecht und mit guten Zeugnissen absolviert hat. Ideal sind die starren Curricula für solche Kinder aber sicher nicht.
Leider kann ich derzeit selbst erleben, daß das Lernen nach festen Vorgaben auch für ein normalbegabtes Kind, das es gewohnt war, frei seinen Interessen nachgehend zu lernen, eine ungute Fessel ist. Ich hatte es ja schon zuvor aus den Kreisen befreundeter Unschooler geschildert bekommen, so z. B. von einer französischen Familie. In Frankreich besteht eigentlich das Recht für die Familien, einer ihnen entsprechenden Pädagogik folgend die Bildung in der Familie (
instruction en famille) zu gestalten. Staatlichen Lehrplänen zu folgen ist nicht bindend und diese dürfen bei den jährlichen Überprüfungen nicht als Maßstab zugrunde gelegt werden. Dennoch halten sich viele Inspektoren, die die Überprüfungen durchführen, nicht daran und prüfen nach schulischen Maßstäben, teilweise sicher einfach deshalb, weil sie es nicht anders kennen und sich gar nichts anderes vorstellen können.
Solange man eine Überprüfung der Lernfortschritte eines Kindes für notwendig hält, ja eigentlich solange man glaubt, daß Kinder bestimmte Dinge in einem bestimmten Alter können sollten, damit ihre Entwicklung als nicht gefährdet angesehen wird, werden wir nicht weiterkommen vom schulischen/verschult gedachten Lernen (egal ob in der Schule oder daheim oder anderswo) zu einer Bildung in Freiheit. Den Kindern keine Meßlatten vor die Nase zu stellen, die sie zu bestimmten Zeiten überspringen können müssen, ist das Wesentliche für eine freie Bildung. Das weiß man in manchen alternativpädagogisch geführten Schulen genauso wie unter Unschoolern, es gibt also tatsächlich auch Unschooling in Schulen. Gemeinsam haben solche Schulen mit Unschoolern auch, daß sie sehr argwöhnisch betrachtet werden und man von Seiten der Schulbehörden (und manchmal auch der Eltern) alles tut, um auch dort letztendlich doch wieder ein Lernen nach festen Lehrplänen, Vorgaben und Regeln zu erzwingen.
Dummerweise läßt sich Lernen nur bedingt erzwingen, das wissen Hirnforscher genauso wie alle Menschen, die ehrlich in sich selber hineinhorchen und ihre Kinder vorurteilsfrei beobachten. Wenn man früh anfängt, ein Kind auf das Lernen nach Plan zu konditionieren (auch beim häuslichen Lernen), dann mag das noch der beste Ansatz sein, um in der derzeitigen Situation zurechtzukommen. War es ein Kind gewohnt, ganz frei seinen Interessen zu folgen und soll dann im Jugendlichenalter - ohne entsprechende eigene Motivation - Sollerfüllung bringen, so wird das sehr schwierig. Wie gesagt, ich erlebe es derzeit selber.
Mein Sohn, der allseits als reif, gut erzogen und selbständig gilt, der sich sprachlich so gut ausdrücken kann, daß er meist ein Stück älter geschätzt wird, der (zu meiner Freude) auch schon als weise bezeichnet wurde, bockt wie ein typischer Teenager, wenn ich ihn daran erinnere, daß er nun dieses und jenes und dann das nächste Thema oder Lernpaket etc. angehen soll, ja muß, weil ansonsten Konsequenzen drohen. Was ich sage scheint ihn noch mehr vom Lernen abzuhalten, vor den Arnufen des Begleitlehrers der Fernschule hat er regelrecht Angst. Manchmal gibt es ein unausweichliches Donnerwetter und danach werden einige Aufgaben gemacht, aber das hält immer nur sehr kurz an. Dann ist wieder Erinnern, Einschreiten, Reiberei und Gezeter angesagt - das ich genauso hasse wie er. Ich muß Dinge tun, die ich nicht will und falsch finde. Einem Mitarbeiter der Fernschule gegenüber habe ich gesagt, daß das für mich sozusagen bedeutet: "Mitgefangen - mitgehangen." Und er bestätigte es.
Ich bin soweit, daß ich es bereue, daß ich mich darauf eingelassen habe zu sagen, daß mein Sohn den Absschluß bei der Fernschule dieses Schuljahr machen wird. Sicher wäre es möglich gewesen, das Ganze auf zwei Jahre hinauszuziehen. Aber ich habe es mir nun wirklich nicht so schwer vorgestellt, ich habe meinen Sohn mit seinen Möglichkeiten gesehen - Hauptschulmathe und -englisch sind eigentlich kein Problem für ihn - habe aber nicht im Geringsten damit gerechnet, was für Widerstände vorgesetzte Anforderungen bei ihm entfachen würden. Druck erzeigt Gegendruck - wie wahr! Und die Pubertät ist sicher die schlechteste Zeit, um einen (ansonsten ja ganz umgänglichen und verständigen) Jugendlichen dazu zu bringen, Dinge zu tun, zu lernen, die er nicht selbst tun und lernen will. Es ist sogar so, daß die Vorgaben eigentlich vorhandene Interessen und Beschäftigungen vernichten: Die Anforderung, bestimmte Aufgabenblätter in Englisch durchzuarbeiten, auszufüllen, an die Fernschule zu schicken, kann z. B. so negative Auswirkungen haben, daß Englisch als Haßfach bezeichnet wird, obwohl seit einiger Zeit freiwillig in einem englsichen Internetforum (ich glaube es geht um Pokemon) mitgelesen und sogar geschrieben wird (ab und an werde ich gefragt, wie bestimmte Dinge formuliert werden, was einzelne Wörter heißen, und das
Online-Lexikon LEO wird immer wieder bemüht).
Es ist ca. zwei Jahre her, als ich auf einer Freizeit französischer Home- und Unschooler von einer vierfachen Mutter, deren jüngste Tochter als einzige der Familie Unschoolerin ist, gehört habe, daß ihre damals Fünfzehnjährige im Herbst zuvor erstmals bereit war, sich für einige wenige Fernschulkurse einzuschreiben. Es stellte sich dann aber heraus, daß sie nicht wirklich Interesse an diesen Kursen hatte, und es war geplant, sie wieder aufzugeben. Die Motivation, sich mit solchen Kursen, ob wie in Frankreich möglich nach eigenem Gutdünken oder wie in Deutschland nicht anders möglich im Paket als ausdrückliche Vorbereitung auf einen Schulabschluß hin, zu befassen und danch zu lernen, soll wirklich vom Lernenden selber kommen. Nur dann wird das Lernen ohne allzugroße Reibung mit den Begleitpersonen gelingen können.
Bei der Fernschule, über die mein Sohn nun seinen Hauptschulabschluß machen soll, sind fast alle SchülerInnen mindestens zwei Jahre älter als er. Sofern es nicht Jugendliche sind, die im Schulbetrieb schon eine allzu große Portion Lernaversion entwickelt haben, scheint das Lernen nach Vorgaben und auf den Abschluß hin ganz gut zu gelingen - die Motivation ist, den Abschluß zu erreichen. Leider gilt dies nicht für meinen Sohn - der Gedanke an einen Abschluß interessiert ihn offensichtlich noch kaum. Mittlerweile denke ich, daß er einfach noch zu jung ist - er wird ja erst in Kürze fünfzehn. Es wäre besser gewesen, ihm mehr Zeit zu geben - aber das hatte ich vorher nicht erkannt, nichtmal geahnt, ich habe es mir alles relativ problemlos vorgestellt.
Dabei hätte ich mich nur an das Thema Rechtschreibung erinnern zu brauchen - als mein Sohn mit zehn Jahren einen Test machte, damit sein Wissensstand überprüft werden konnte, schnitt er hervorragend ab, da es ein überwiegend mündlicher Test war. Richtige Rechtschreibung beherrschte er damals, obwohl er schon immer ein Vielleser war, nicht, das hätte ihn bei einem schriftlichen Test etliche Abzüge gekostet. Und es dauerte noch mindestens zwei Jahre - eigentlich würde ich sagen eher länger - daß er mit der Rechtschreibung sicherer wurde und man sie als überwiegend korrekt bezeichnen konnte. Immer wieder mal las ich mit, was er am Computer schrieb, und hatte dadurch in etwa einen Einblick in seinen jeweiligen Kenntnisstand auf diesem Gebiet.
Was für Rechtschreibung gilt, gilt sicher auch für andere Wissensbereiche. Davon bin ich nach wie vor überzeugt. Und das Drängen auf Beherrschung von Kenntnissen und Fertigkeiten, wofür die Zeit eben noch nicht reif ist, macht so viel kaputt. Ein Beispiel, das wir gerade erleben, ist die Erstellung einer Präsentationsarbeit für den Hauptschulabschluß, zu dem die schriftlichen und mündlichen Prüfungen im Juni und Juli dieses Jahres stattfinden werden. Ursrpünglich schlug der Begleitlehrer meinem Sohn vor, das Thema Harfe zu bearbeiten - der Lehrer wollte ihm wohl etwas auf die Sprümge helfen, weil er selbst nicht gleich freudestrahlend verkünden konnte, womit er sich gerne befassen würde. Ich hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl dabei - und ich hatte mich nicht getäuscht. Zu einem Zeitpunkt, wo andere Schüler vermutlich ihre Arbeiten bereits überwiegend fetiggestellt hatten, erklärte mir mein Sohn, daß er das Thema wechseln wolle und sich für die Oboe entschieden habe. Der Begleitlehrer war unglücklich, da er nicht von meinem Sohn in dessen Überlegungen zum Themenwechsel einbezogen worden war (die Tendenz, selbst noch die Gedankengänge der Schüler begleiten zu wollen, finde ich sehr unangenehm, und meinem Sohn scheint das ganz besonders so zu gehen), und ich ahnte bereits das kommende zeitliche Desaster.
Kruz: Die Arbeit, Abgabeschluß bei der Ferschule am 1. April (kein Aprilscherz!), ist noch immer nicht komplett fertig. Nachdem mein Sohn zwei Nächte ganz und ein paar weitrgehend ohne Schlaf verbracht hatte, hörte ich auf ihn zu drängen, unerreichbare zeitliche Hürden zu überspringen (der Termin für die Abgabe war bereits mehrfach nach hinten gerückt worden), bearbeitete ihn nicht weiter, den Begleitlehrer wenigstens anzurufen und beschloß, der Sache bis über die Feiertage (an denen sowieso niemand auch nur einen flüchtigen Blick auf diese Arbeit werfen würde) ruhen zu lassen. Die Entspannung zeigte unmittelbare Wirkung: Längst geplante Fragen an den Oboe-Lehrer wurden ohne weitere dringende Ermahnungen am Donnerstag im Oboe-Unterricht gestellt, das (hoffentlich) letzte Puzzleteil zur endgültigen Überarbeitung des Textes ist somit bereitgelegt.
Jetzt muß nur noch ein bißchen Motivation dafür aufblühen, eine Materialsammlung anzulegen (ja, man will wirklich nachvollziehen können, wie die Arbeit entstanden ist, will gerne sogar erste und weitere nicht endgültige Fassungen des Textes sehen, ein Unding in Zeiten, wo man am PC schreibt und den Text ständig überarbeitet ohne alte Fassungen extra zu speichern - ich empfinde das als unangenehm, reicht es nicht, ein passabel erarbeitetes Ergebnis zu bekommen?) - und wenn sie nicht aufblüht, dann wird es eben keine solche Materialsammlung geben (schließlich hat die Arbeit, wie sich das gehört, Literatur- und weitere Quellenverzeichnisse, ein Glossar und möglicherweise noch weitere Anhänge). Eine weitere Hürde stellt dann noch unsere nur rudimentäre technische Ausrüstung dar, aber ich habe beschlossen, daß wir die Arbeit in einem Fachgeschäft ausdrucken und binden lassen werden, bevor ein Zusammenbruch unseres kleinen Druckers, zur Unzeit leergewordene Tintenpatronen oder ähnliches weitere Nerven kosten.
Eigentlich ist es schade, daß diese Arbeit letztendlich mit soviel Druck verbunden ist, denn sowohl mein Sohn sagte mal "eigentlich macht es mir richtig Spaß, mich damit zu beschäftigen" als auch ich selber habe mit Interesse Anteil daran genommen (und selbst viel Neues gelernt!) - und selbst erfahrene Schulleiter sollen, wie uns bei der Fernschule während der
Prüfungsvorbereitungstage mitgeteilt wurde, gesagt haben, daß diese Präsentationsarbeit die ideale Form der Prüfung darstellt.* Die Präsentationsarbeit besteht aus der selbst erstellten schriftlichen Hausarbeit, der mündlichen Vorstellung (Präsentation) derselben und ca. fünfzehn Minuten Befragung zum Thema - und das Thema kann vollkommen frei gewählt werden, ganz nach den Interessen des jeweiligen Schülers. Da haben also altgediente Pädagogen ein wichtiges Prinzip des Unschooling erkannt (ohne natürlich zu wissen, daß das mit Unschooling in Verbindung gebracht werden kann, die Bezeichnung selbst ist ja so gut wie unbekannt), und dennoch erscheint mir die Möglichkeit, daß es in Deutschland in absehbarer Zeit eine Anerkennung dieser freien Art, sich zu bilden, geben wird, in weiter Ferne zu liegen ...
*) Zitat von der Website der Flex-Fernschule:
"Diese Prüfungsform ist mit das Beste, was mir in meiner gesamten Laufbahn als Lehrer begegnet ist!" So der Kommentar eines erfahrenen Schulleiters zur Präsentationsprüfung, einem zentralen Bestandteil der neuen Prüfung zum Hauptschulabschluss für Schulfremde. "Hier hat Schule wirklich etwas mit dem Leben der jungen Leute zu tun!"