Charlotte hat seit einiger Zeit die Nacht zum Tag gemacht. Jetzt (3 Uhr nachts) ist sie gerade zu Bett gegangen, bis sie einschlafen kann, dauert es dann erfahrungsgemäß noch eine gute Weile. Ich passe mich so gut es geht an ihren Rhythmus an. Samuel ist bei den Großeltern im Tannheimer Tal, mit der Haushaltshilfe meiner Eltern lernt er Polnisch, hat er mir am Telefon gesagt.
Ich beschäftige mich mit diesem und jenem, Politischem wegen der anstehenden Bundestagswahl, Schreiben, nach langer Pause wieder angefangen. Während der Prüfungszeiten von Samuel habe ich einen Wallander-Krimi nach dem anderen gelesen, den letzten der Reihe (Brandmauer) habe ich nun am vergangenen Wochenende "erledigt". Persönliche Gespräche mit dort Wohnenden, einige wenige gesellschaftskritische Reportagen und Artikel und die literarischen Werke von Astrid Lindgren, Henning Mankell und Stieg Larsson (hatte ich auch während der Zeiten in Nieder- und Oberrimsingen gelesen) formen nun mein Schwedenbild. Daß die schwedische Piraten-Partei bei der Europawahl 7,1 % der Stimmen in ihrem Land erreichte, wundert mich nicht, scheint es mir doch so, daß der schwedische Staat schon 20 bis 25 Jahre früher als der deutsche vom Sozial- zum Fürsorgestaat mutiert ist. Wobei ich darunter verstehe, daß das Soziale von der Komponente Kontrolle gedeckelt wurde. Deutschland dagegen hat sich in weniger als fünf Jahren von einem Sozialstaat fast übergangslos in einen Feudalstaat mit staatlich rekrutierten Leibeigenen verwandelt, der Zwischenschritt Fürsorgestaat wurde nahezu übersprungen, dank Hartz IV. Wir haben hier nicht Soziales und Kontrolle, sondern Demütigung und Kontrolle,
und Willkür.
Samuel hat am 10. Juli das Zeugnis erhalten, das ihm den erfolgreich bestandenen Hauptschulabschluß bescheinigt. Note gut (1,6), mehr oder weniger aus dem Ärmel geschüttelt, da kann man nicht meckern. "Das ist ein Ende
und ein Anfang", hieß es auf der Abschlußfeier bei der Flex-Fernschule in Oberrimsingen. Und: "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", für diejenigen, die schon wußten, was sie zukünftig, nach dem nun bestandenem Abschluß, beruflich oder schulisch machen würden. Für Samuel aber erwies sich dieser Abschluß bislang als Sackgasse. Er möchte gerne ab September in die 9. Klasse eines Gymnasiums gehen, aber er darf nicht, das ist so nicht vorgesehen. Da könne ja jeder mit einem guten Hauptschulabschluß in der Hand dahergelaufen kommen und bei einem Gymnasium anklopfen! Doch so etwas wollen wir hier (wir sind in BW, das Musterländle, auch bildungsmäßig!) gar nicht erst anfangen. Zu diesem Thema könnte ich jetzt Seiten schreiben, vielleicht tue ich das demnächst noch, hier und jetzt aber belasse ich es mal bei diesen wenigen Zeilen.
Charlotte ist abgesehen von ihrem verdrehten Rhythmus echt gut drauf, der letzte Anfall (bzw. davon zwei kurz hintereinander) war am Montag vor einer Woche frühmorgens im Schlaf, wie immer heftige Grand Mals. Aber besonders freut mich, daß Charlotte derzeit sprachlich Fortschritte macht, deutlich spricht, mehr Wörter benutzt, öfter ganze Sätze spricht. Und daß sie insgesamt so verständig und anteilnehmend ist, das ist auch schön. Wir gönnen uns aber auch Ruhe, Therapien sind abgesagt, Termine so gut wie abgestellt. Selbst zur Beerdigung meiner Patentante bin ich letztendlich nicht gefahren, obwohl mir das sehr leid tat, aber ich hätte den Streß der langen Fahrten mit mehreren Zügen und Umsteigen nicht gut verkraftet, das merkte ich. So sind wir zwei, Charlotte und ich, fast schon in richtiger Ferienstimmung, obwohl wir eigentlich nur zu Hause rumhocken.
Strubbeli, unserem Meerschweinchen, merkt man an, daß er in die Jahre gekommen ist, er scheint ja schon seit etwa Ostern nicht mehr oder kaum noch zu sehen, mittlerweile scheinen auch sein Gehör und sein Geruchssinn beeinträchtigt zu sein. Die Kater, Percy und Zwuggeli, lungern faul rum oder fetzen sich ab und an auch mal. Über Zwuggeli hat Samuel in seiner mündlichen Englisch-Prüfung erzählt, was sicher dazu beigetragen hat, daß er eine so gute Note darin erhielt (1,4). Obwohl er sich erst mit allen zur Verfügung stehenden Kräften dagegen gewehrt hatte, überhaupt diese Erzählung vorzubereiten! Immerhin war die Idee, über Zwuggeli zu erzählen, seine eigene. Und letztendlich dann auch der Text, den er sich ausarbeiten sollte, aber das machte er erst in der allerletzten Millisekunde, sozusagen. Es schien ihm aber schließlich selber so viel Spaß gemacht zu haben, daß er nach der Prüfung noch etliche Male diesen Text laut rezitierte, nicht langweilig und eintönig, sondern sehr lebendig. Tja, ist ja jetzt schon wieder eine ganze Weile her, aber das ist eine der eindrücklichsten Erinnerungen, die ich von dieser ganzen Prüfungsgeschichte behalten habe.


(Charlotte ist gerade wieder aus dem Bett rausgekommen. Es ist 3 Uhr 45. Jetzt will sie baden, was sie sowieso jeden Tag mehrmals und ausgiebig macht. - So, nun sitzt sie in der Wanne, hoffentlich nicht allzu lange ...)