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Donnerstag, 30. April 2009

Von Kindern lernen ... (2)

Schon zweimal ist mir in den vergangenen Tagen beim Fahrradfahren eine Schnecke begegnet - das erste Mal ein richtig prächtiges, schon älteres Exemplar, wie man an ihrem Haus und ihrer Größe erkennen konnte, beim zweiten Mal die auf dem nebenstehenden Bild abgebildete noch etwas jüngere Schnecke.

Vor drei, vier Jahren haben wir gerne öfter die CD "Gucken, was der Mond so macht" von Linard Bardill und Lorenz Pauli gehört und teils selber die Lieder gesungen und mit Instrumenten begleitet. Da gibt es auch das Lied vom Kindergartenweg/Schulweg. "Auf dem Weg ist eine Schneck' und die Schnecke tu ich weg, weil sonst wer mit schnellem Schritt ihr bestimmt das Haus zertritt." Seitdem ich dieses Lied erstmals hörte, habe ich gelegentlich bewußt, und mit Schreck, wahrgenommen, daß ich gerade wieder mal das ganz frische, zarte Haus einer jungen Schnecke zertreten habe, wenn es in einer bestimmten Weise unter einem meiner Schuhe knirschte. Und seitdem setze ich Schnecken weg vom Asphalt oder von Lauf- und Fahrwegen ins Grüne, wenn ich sie rechtzeitig entdecke.

Kindergartenweg/Schulweg
(T: Pauli / M: Bardill)

Auf dem Weg ist eine Schneck'
und die Schnecke tu ich weg,
weil sonst wer mit schnellem Schritt
ihr bestimmt das Haus zertritt.

An der Strasse bleib ich stehn,
endlich kann ich rübergehn.
Drüben bei dem alten Haus
pflück ich einen Blumenstrauss.

Da ruft hinter mir ein Kind:
"Wart, und lauf nicht so geschwind."
Es erzählt vom Grosspapa
und was es im Fernsehn sah.

Wo das Bauloch ist, liegt Sand,
und ein Bagger steht am Rand.
Auch ein grosser Kran ist dort,
doch wir müssen leider fort.

Auf dem Platz, wo Bänke stehn,
können wir die Grossen sehn,
lassen uns nicht durch und drohn.
Etwas bibbern tun wir schon.

Endlich ist's geschafft, naja,
alle andern sind schon da.
Unser Weg ist eben weit,
und der Weg braucht seine Zeit.

Der Weg braucht seine Zeit - das erinnert mich immer wieder auch an diesen Ausspruch von Max Horkheimer (1952):
Der Prozess der Bildung ist in den der Verarbeitung umgeschlagen. Die Verarbeitung - und darin liegt das Wesen des Unterschieds - lässt dem Gegenstand keine Zeit, die Zeit wird reduziert. Zeit aber steht für Liebe; der Sache, der ich Zeit schenke, schenke ich Liebe; die Gewalt ist rasch.
Daran kann man in heutigen Zeiten nicht oft genug erinnern. Anstatt die Kinder immer früher ins Korsett des Erwachsenenlebens zu zwängen, sollten wir uns von ihrer Unbefangenheit und ihrem scheinbar verschwenderischen Umgang mit Zeit inspirieren lassen, um neue Maßstäbe auch für unsere Lebensweise zu setzen.

Sonntag, 26. April 2009

Basteln - Rückblick (2)

Lange Zeit, über Jahre hinweg, hat Samuel Röhrenfiguren aus Klopapierrollen gebastelt. Später kamen die größeren "Brüder und Schwestern" aus Küchenpapierrollen hinzu, noch später Miniaturmodelle aus selbstgefertigten Röhren. Zeitweise ging er zu einer guten Bekannten (ein bißchen Oma-Erastz vor Ort), um dort zu basteln, denn sie hatte immer genug Material auf Lager. Außerdem hatte er dort Ruhe vor seiner Schwester, und er konnte auch ab und an mal fernsehen, da wir ja selber seit vielen Jahren keinen Fernseher mehr haben.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, daß schulfreies Leben nicht mit fehlenden sozialen Kontakten einhergeht. Im Gegenteil - die sozialen Kontakte sind reichhaltiger und vielfältiger, wenn auch wohl geringer an der Zahl. Letzteres ist ganz einfach dadurch erklärbar, daß im normalen Leben eben nicht dauernd zwanzig oder dreißig andere den gleichen Raum mit einem teilen. Ersteres ist vollkommen natürlich, die sozialen Kontakte umfassen Menschen jeden Alters und bleiben nur dann auf (eine gewisse) Dauer bestehen, wenn sie sich vertiefen können und Beziehungen daraus werden können, und dafür hat ein Kind, das nicht den Großteil seiner Tage in einem Klassenverband verbringen muß, viel Freiraum. Sie ändern sich entsprechend dem Alter und den Interessen des Heranwachsenden, so wird z. B. heute bei unserer Bekannten nur noch selten gebastelt, aber Samuel geht immer noch ab und an gerne hin, wenn es etwas zu erledigen gibt, um fern zu sehen, um Gespräche über Gott und die Welt zu führen oder einfach mal eine Auszeit von zu Hause zu nehmen. Und er trifft dort gelegentlich andere Menschen oder kann auch mal einen Freund mitbringen, um z. B. ein paar Runden Karten zu spielen.

Dienstag, 21. April 2009

Das Recht ist eine Abstraktion ...

Eine kleine Erinnerung daran, daß in unserem wunderbaren Grundgesetz keine Rede von einer Schulpflicht ist, daß in unserem wunderbaren Grundgesetz Familien einen besonderen Schutz genießen usw. - in die Realität umgesetzt mit Schulzwang und unbegründeten Sorgerechtsentzügen, viel zu oft, als daß dies nur bedauernswerte Justizirrtümer sein könnten.


Leider ist unser wunderbares Grundgesetz wehrlos gegen den Mißbrauch durch die Juristen!

Ja, die Menschen, zwischen den Paragraphen plattgedrückt, vermissen Empfinden, vermissen gesunden Menschenverstand!

Warum darf das an der Schule leidende Kind nicht von zu Hause aus lernen? Was vergibt man sich dadurch? Warum muß das schwerstbehinderte Kind jeden Tag 80 km, einfacher Weg, in die Schule transportiert werden - ist das wirklich zu dessen Wohl? Warum, warum warum ... so viele Fragen ... und noch niemand hat eine wirklich plausible Antwort geben können, warum den Deutschen vorenthalten werden muß, was in den meisten ihrer Nachbarländer erlaubt ist und dort erfolgreich praktiziert wird.

Wir rufen - wer hört uns? Wir machen das alles gratis - Schulen, Lehrer, Heimplätze, Schultransporte ... kosten viel Geld!


Gedanken zu einer Impression vom Platz der Grundrechte - Karlsruhe.
Karlsruhe - die Stadt, die das Bundesverfassungsgericht und den Bundesgerichtshof beheimatet.



Das Recht ist relativ ... Gerechtigkeit ist absolut!



Foto: Elisabeth Kuhnle

Sonntag, 12. April 2009

Frohe Ostern!



Die letzten Tage waren ja sehr sonnig, blau und warm. Gestern Abend, gerade als ich beim Einkaufen im REWE war, hat es dann wohl einen Regenguß gegeben - ich merkte es nur daran, daß draußen alles wassergetränkt war - zum Glück mein Fahrrad nicht, es stand geschützt unter einem Dach. Wie so oft wurde es abends sehr spät bevor das eigentliche Essen fertig war - eine leckere Spinat-Lauch-Lasagne - und daher werden wir den Löwenanteil davon heute erst genießen.

Heute Morgen ist Charlotte relativ früh aufgewacht und ich habe im Netz nach Ostergedichten gestöbert. Obwohl es bei uns nicht regnet - es scheint wieder ein recht schöner Tag zu werden, auch wenn der Himmel etwa verhangen ist - fand ich das folgende Gedicht für unsere Situation am passendsten (ich würde nämlich auch gerne das Feiern insgesamt auf morgen verlegen, da dann sowieso auch Samuels Geburtstag ist - dann würden wir Eiersuchen und Geburtstagfeiern zusammenlegen und heute nochmal Hausputz und sonstige Arbeiten erledigen ... - mal sehen, ob Samuel damit einvertanden sein wird):

Der erste Ostertag

Fünf Hasen, die saßen beisammen dicht,
Es macht ein jeder ein traurig Gesicht.
Sie jammern und weinen:
Die Sonn' will nicht scheinen!
Bei so vielem Regen
Wie kann man da legen
Den Kindern das Ei?
O weih, o weih!
Da sagte der König:
So schweigt doch ein wenig!
Lasst weinen und Sorgen
Wir legen sie morgen!

Heinrich Hoffmann (1809-1894)

von: Gedichte-Garten - Gedichte Ostern



Foto: Alchemie/PIXELIO


FROHE OSTERN!

Samstag, 11. April 2009

Unschooler-Leid

Vorgestern bekam ich einen Anruf von einem Journalisten (ich hoffe, das ist die richtige Berufsbezeichnung, habe nicht ausdrücklich nachgefragt), der sich dafür interessierte, was die Gründe dafür sind, daß man Homeschooling macht. Das Gespräch kam darauf, daß es (immer mal wieder) doch ein paar Familien - einige räumlich sogar "fast um die Ecke" - gibt, die einen Modus mit den unteren Schulbehörden oder der Schulleitung einer zuständigen Schule gefunden haben, daß und wie sie ihre Kinder zu Hause lernen lassen können und nicht weiter belästigt oder gar verfolgt werden. Und daß dies ja Schritte in die richtige Richtung sind.

Ich weiß, daß vielen Familien hier schon geholfen wäre, wenn wenigstens Fernschulen anerkannt wären, um die Schulpflicht zu erfüllen, oder wenn, wie in Österreich, der häusliche Unterricht legalisiert und am Schuljahresende nach den Anforderungen der staatlichen Lehrpläne überprüft würde. Nicht so für Unschooler - diejenigen, die entsprechende Absprachen finden konnten, daß ihre Kinder dank einer regelmäßigen Überprüfung, die sich selbstredend an den staatlichen Lehrplänen orientiert, unbehelligt zu Hause lernen dürfen, leiden tatsächlich unter dem Joch, das die Orientierung an diesen staatlichen Lehrplänen ihnen auferlegt. Die Kinder leiden darunter und folglich auch die Eltern, die ja dafür Sorge tragen müssen, daß die Überprüfungen mit passablen Ergebnissen absolviert werden - denn wenn dem nicht so wäre, dann wäre es vorbei mit dem geduldeten häuslichen Lernen.

Dabei wird doch ganz vergessen, daß in den Schulen die Zahl derjenigen, die leistungsmäßig "versagen", nicht klein ist. Es wird auch nicht beachtet, daß in Österreich, wo das Modell "häuslicher Unterricht" Tradition hat, die Prüfungen am Schuljahresende in alternativen Schulen abgelegt werden können, die sich genau wie etliche der alternativen Schulen in Deutschland dagegen wehren, die üblichen starren Curricula zu übernehmen, weil sie pädagogisch gesehen Unsinn sind. Ich denke, es gibt in Deutschland mittlerweile seriöse Bestrebungen, das Lernen in den heimischen vier Wänden salonfähig zu machen, aber ich fürchte, die Bedingungen werden recht einschränkend sein.

Für alle Kinder, die an der Schule leiden oder gelitten haben, besonders deshalb, weil sie dort ein abweisendes oder gar traumatisierendes soziales Umfeld erlebten, könnte selbst ein strikt geregelter häuslicher Unterricht in jedem Fall eine Entlastung darstellen. Für Kinder, die mit der Schule deshalb nicht zurechtkommen, weil ihre Lernstrategien so gar nicht mit den althergebrachten Konzepten zusammenpassen oder die tatsächlich in einem oder mehreren Bereichen Lernschwierigkeiten haben, wird es schon schwieriger werden, ein entsprechendes Soll nach festgelegten Lehrplänen und in festgelegter Zeit zu erfüllen. Der strikt geregelte häusliche Unterricht könnte dennoch eine Chance für sie darstellen, da sie von der individuellen Lernbegleitung profitieren könnten und so Blockaden, die in der herkömmlichen Schulsituation nicht auflösbar sind, evt. überwunden werden können. So habe ich beispielsweise von einem Mädchen erfahren, das als lernbehindert eingestuft war und in eine Sonderschule gekommen wäre, das aber im häuslichen Unterricht nach dem Lehrwerk der Deutschen Fernschule sowohl die erste als auch die zweite Klasse der Grundschule altersgerecht und mit guten Zeugnissen absolviert hat. Ideal sind die starren Curricula für solche Kinder aber sicher nicht.

Leider kann ich derzeit selbst erleben, daß das Lernen nach festen Vorgaben auch für ein normalbegabtes Kind, das es gewohnt war, frei seinen Interessen nachgehend zu lernen, eine ungute Fessel ist. Ich hatte es ja schon zuvor aus den Kreisen befreundeter Unschooler geschildert bekommen, so z. B. von einer französischen Familie. In Frankreich besteht eigentlich das Recht für die Familien, einer ihnen entsprechenden Pädagogik folgend die Bildung in der Familie (instruction en famille) zu gestalten. Staatlichen Lehrplänen zu folgen ist nicht bindend und diese dürfen bei den jährlichen Überprüfungen nicht als Maßstab zugrunde gelegt werden. Dennoch halten sich viele Inspektoren, die die Überprüfungen durchführen, nicht daran und prüfen nach schulischen Maßstäben, teilweise sicher einfach deshalb, weil sie es nicht anders kennen und sich gar nichts anderes vorstellen können.

Solange man eine Überprüfung der Lernfortschritte eines Kindes für notwendig hält, ja eigentlich solange man glaubt, daß Kinder bestimmte Dinge in einem bestimmten Alter können sollten, damit ihre Entwicklung als nicht gefährdet angesehen wird, werden wir nicht weiterkommen vom schulischen/verschult gedachten Lernen (egal ob in der Schule oder daheim oder anderswo) zu einer Bildung in Freiheit. Den Kindern keine Meßlatten vor die Nase zu stellen, die sie zu bestimmten Zeiten überspringen können müssen, ist das Wesentliche für eine freie Bildung. Das weiß man in manchen alternativpädagogisch geführten Schulen genauso wie unter Unschoolern, es gibt also tatsächlich auch Unschooling in Schulen. Gemeinsam haben solche Schulen mit Unschoolern auch, daß sie sehr argwöhnisch betrachtet werden und man von Seiten der Schulbehörden (und manchmal auch der Eltern) alles tut, um auch dort letztendlich doch wieder ein Lernen nach festen Lehrplänen, Vorgaben und Regeln zu erzwingen.

Dummerweise läßt sich Lernen nur bedingt erzwingen, das wissen Hirnforscher genauso wie alle Menschen, die ehrlich in sich selber hineinhorchen und ihre Kinder vorurteilsfrei beobachten. Wenn man früh anfängt, ein Kind auf das Lernen nach Plan zu konditionieren (auch beim häuslichen Lernen), dann mag das noch der beste Ansatz sein, um in der derzeitigen Situation zurechtzukommen. War es ein Kind gewohnt, ganz frei seinen Interessen zu folgen und soll dann im Jugendlichenalter - ohne entsprechende eigene Motivation - Sollerfüllung bringen, so wird das sehr schwierig. Wie gesagt, ich erlebe es derzeit selber.

Mein Sohn, der allseits als reif, gut erzogen und selbständig gilt, der sich sprachlich so gut ausdrücken kann, daß er meist ein Stück älter geschätzt wird, der (zu meiner Freude) auch schon als weise bezeichnet wurde, bockt wie ein typischer Teenager, wenn ich ihn daran erinnere, daß er nun dieses und jenes und dann das nächste Thema oder Lernpaket etc. angehen soll, ja muß, weil ansonsten Konsequenzen drohen. Was ich sage scheint ihn noch mehr vom Lernen abzuhalten, vor den Arnufen des Begleitlehrers der Fernschule hat er regelrecht Angst. Manchmal gibt es ein unausweichliches Donnerwetter und danach werden einige Aufgaben gemacht, aber das hält immer nur sehr kurz an. Dann ist wieder Erinnern, Einschreiten, Reiberei und Gezeter angesagt - das ich genauso hasse wie er. Ich muß Dinge tun, die ich nicht will und falsch finde. Einem Mitarbeiter der Fernschule gegenüber habe ich gesagt, daß das für mich sozusagen bedeutet: "Mitgefangen - mitgehangen." Und er bestätigte es.

Ich bin soweit, daß ich es bereue, daß ich mich darauf eingelassen habe zu sagen, daß mein Sohn den Absschluß bei der Fernschule dieses Schuljahr machen wird. Sicher wäre es möglich gewesen, das Ganze auf zwei Jahre hinauszuziehen. Aber ich habe es mir nun wirklich nicht so schwer vorgestellt, ich habe meinen Sohn mit seinen Möglichkeiten gesehen - Hauptschulmathe und -englisch sind eigentlich kein Problem für ihn - habe aber nicht im Geringsten damit gerechnet, was für Widerstände vorgesetzte Anforderungen bei ihm entfachen würden. Druck erzeigt Gegendruck - wie wahr! Und die Pubertät ist sicher die schlechteste Zeit, um einen (ansonsten ja ganz umgänglichen und verständigen) Jugendlichen dazu zu bringen, Dinge zu tun, zu lernen, die er nicht selbst tun und lernen will. Es ist sogar so, daß die Vorgaben eigentlich vorhandene Interessen und Beschäftigungen vernichten: Die Anforderung, bestimmte Aufgabenblätter in Englisch durchzuarbeiten, auszufüllen, an die Fernschule zu schicken, kann z. B. so negative Auswirkungen haben, daß Englisch als Haßfach bezeichnet wird, obwohl seit einiger Zeit freiwillig in einem englsichen Internetforum (ich glaube es geht um Pokemon) mitgelesen und sogar geschrieben wird (ab und an werde ich gefragt, wie bestimmte Dinge formuliert werden, was einzelne Wörter heißen, und das Online-Lexikon LEO wird immer wieder bemüht).

Es ist ca. zwei Jahre her, als ich auf einer Freizeit französischer Home- und Unschooler von einer vierfachen Mutter, deren jüngste Tochter als einzige der Familie Unschoolerin ist, gehört habe, daß ihre damals Fünfzehnjährige im Herbst zuvor erstmals bereit war, sich für einige wenige Fernschulkurse einzuschreiben. Es stellte sich dann aber heraus, daß sie nicht wirklich Interesse an diesen Kursen hatte, und es war geplant, sie wieder aufzugeben. Die Motivation, sich mit solchen Kursen, ob wie in Frankreich möglich nach eigenem Gutdünken oder wie in Deutschland nicht anders möglich im Paket als ausdrückliche Vorbereitung auf einen Schulabschluß hin, zu befassen und danch zu lernen, soll wirklich vom Lernenden selber kommen. Nur dann wird das Lernen ohne allzugroße Reibung mit den Begleitpersonen gelingen können.

Bei der Fernschule, über die mein Sohn nun seinen Hauptschulabschluß machen soll, sind fast alle SchülerInnen mindestens zwei Jahre älter als er. Sofern es nicht Jugendliche sind, die im Schulbetrieb schon eine allzu große Portion Lernaversion entwickelt haben, scheint das Lernen nach Vorgaben und auf den Abschluß hin ganz gut zu gelingen - die Motivation ist, den Abschluß zu erreichen. Leider gilt dies nicht für meinen Sohn - der Gedanke an einen Abschluß interessiert ihn offensichtlich noch kaum. Mittlerweile denke ich, daß er einfach noch zu jung ist - er wird ja erst in Kürze fünfzehn. Es wäre besser gewesen, ihm mehr Zeit zu geben - aber das hatte ich vorher nicht erkannt, nichtmal geahnt, ich habe es mir alles relativ problemlos vorgestellt.

Dabei hätte ich mich nur an das Thema Rechtschreibung erinnern zu brauchen - als mein Sohn mit zehn Jahren einen Test machte, damit sein Wissensstand überprüft werden konnte, schnitt er hervorragend ab, da es ein überwiegend mündlicher Test war. Richtige Rechtschreibung beherrschte er damals, obwohl er schon immer ein Vielleser war, nicht, das hätte ihn bei einem schriftlichen Test etliche Abzüge gekostet. Und es dauerte noch mindestens zwei Jahre - eigentlich würde ich sagen eher länger - daß er mit der Rechtschreibung sicherer wurde und man sie als überwiegend korrekt bezeichnen konnte. Immer wieder mal las ich mit, was er am Computer schrieb, und hatte dadurch in etwa einen Einblick in seinen jeweiligen Kenntnisstand auf diesem Gebiet.

Was für Rechtschreibung gilt, gilt sicher auch für andere Wissensbereiche. Davon bin ich nach wie vor überzeugt. Und das Drängen auf Beherrschung von Kenntnissen und Fertigkeiten, wofür die Zeit eben noch nicht reif ist, macht so viel kaputt. Ein Beispiel, das wir gerade erleben, ist die Erstellung einer Präsentationsarbeit für den Hauptschulabschluß, zu dem die schriftlichen und mündlichen Prüfungen im Juni und Juli dieses Jahres stattfinden werden. Ursrpünglich schlug der Begleitlehrer meinem Sohn vor, das Thema Harfe zu bearbeiten - der Lehrer wollte ihm wohl etwas auf die Sprümge helfen, weil er selbst nicht gleich freudestrahlend verkünden konnte, womit er sich gerne befassen würde. Ich hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl dabei - und ich hatte mich nicht getäuscht. Zu einem Zeitpunkt, wo andere Schüler vermutlich ihre Arbeiten bereits überwiegend fetiggestellt hatten, erklärte mir mein Sohn, daß er das Thema wechseln wolle und sich für die Oboe entschieden habe. Der Begleitlehrer war unglücklich, da er nicht von meinem Sohn in dessen Überlegungen zum Themenwechsel einbezogen worden war (die Tendenz, selbst noch die Gedankengänge der Schüler begleiten zu wollen, finde ich sehr unangenehm, und meinem Sohn scheint das ganz besonders so zu gehen), und ich ahnte bereits das kommende zeitliche Desaster.

Kruz: Die Arbeit, Abgabeschluß bei der Ferschule am 1. April (kein Aprilscherz!), ist noch immer nicht komplett fertig. Nachdem mein Sohn zwei Nächte ganz und ein paar weitrgehend ohne Schlaf verbracht hatte, hörte ich auf ihn zu drängen, unerreichbare zeitliche Hürden zu überspringen (der Termin für die Abgabe war bereits mehrfach nach hinten gerückt worden), bearbeitete ihn nicht weiter, den Begleitlehrer wenigstens anzurufen und beschloß, der Sache bis über die Feiertage (an denen sowieso niemand auch nur einen flüchtigen Blick auf diese Arbeit werfen würde) ruhen zu lassen. Die Entspannung zeigte unmittelbare Wirkung: Längst geplante Fragen an den Oboe-Lehrer wurden ohne weitere dringende Ermahnungen am Donnerstag im Oboe-Unterricht gestellt, das (hoffentlich) letzte Puzzleteil zur endgültigen Überarbeitung des Textes ist somit bereitgelegt.

Jetzt muß nur noch ein bißchen Motivation dafür aufblühen, eine Materialsammlung anzulegen (ja, man will wirklich nachvollziehen können, wie die Arbeit entstanden ist, will gerne sogar erste und weitere nicht endgültige Fassungen des Textes sehen, ein Unding in Zeiten, wo man am PC schreibt und den Text ständig überarbeitet ohne alte Fassungen extra zu speichern - ich empfinde das als unangenehm, reicht es nicht, ein passabel erarbeitetes Ergebnis zu bekommen?) - und wenn sie nicht aufblüht, dann wird es eben keine solche Materialsammlung geben (schließlich hat die Arbeit, wie sich das gehört, Literatur- und weitere Quellenverzeichnisse, ein Glossar und möglicherweise noch weitere Anhänge). Eine weitere Hürde stellt dann noch unsere nur rudimentäre technische Ausrüstung dar, aber ich habe beschlossen, daß wir die Arbeit in einem Fachgeschäft ausdrucken und binden lassen werden, bevor ein Zusammenbruch unseres kleinen Druckers, zur Unzeit leergewordene Tintenpatronen oder ähnliches weitere Nerven kosten.

Eigentlich ist es schade, daß diese Arbeit letztendlich mit soviel Druck verbunden ist, denn sowohl mein Sohn sagte mal "eigentlich macht es mir richtig Spaß, mich damit zu beschäftigen" als auch ich selber habe mit Interesse Anteil daran genommen (und selbst viel Neues gelernt!) - und selbst erfahrene Schulleiter sollen, wie uns bei der Fernschule während der Prüfungsvorbereitungstage mitgeteilt wurde, gesagt haben, daß diese Präsentationsarbeit die ideale Form der Prüfung darstellt.* Die Präsentationsarbeit besteht aus der selbst erstellten schriftlichen Hausarbeit, der mündlichen Vorstellung (Präsentation) derselben und ca. fünfzehn Minuten Befragung zum Thema - und das Thema kann vollkommen frei gewählt werden, ganz nach den Interessen des jeweiligen Schülers. Da haben also altgediente Pädagogen ein wichtiges Prinzip des Unschooling erkannt (ohne natürlich zu wissen, daß das mit Unschooling in Verbindung gebracht werden kann, die Bezeichnung selbst ist ja so gut wie unbekannt), und dennoch erscheint mir die Möglichkeit, daß es in Deutschland in absehbarer Zeit eine Anerkennung dieser freien Art, sich zu bilden, geben wird, in weiter Ferne zu liegen ...

*) Zitat von der Website der Flex-Fernschule:
"Diese Prüfungsform ist mit das Beste, was mir in meiner gesamten Laufbahn als Lehrer begegnet ist!" So der Kommentar eines erfahrenen Schulleiters zur Präsentationsprüfung, einem zentralen Bestandteil der neuen Prüfung zum Hauptschulabschluss für Schulfremde. "Hier hat Schule wirklich etwas mit dem Leben der jungen Leute zu tun!"

Freitag, 3. April 2009

Ein Alptraum

Vergangene Nacht hatte ich einen Alptraum. Ich träumte, der Beschluß der Bundesregierung vom März dieses Jahres, für jedes Kind einmalig 100 Euro auszuzahlen, die nicht mit Sozialleistungen verrechnet werden dürfen*, sei ein Aprilscherz gewesen. Ein Aprilscherz wie die Meldung über den angeblichen Eilbeschluß der Bundesregierung, die D-Mark wieder einzuführen, oder wie die Meldung, daß das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt wird.

Als ich aufwachte, war mir ganz schlecht - diese 200 Euro, die ich ca. Mitte nächster Woche zusammen mit dem Kindergeld bekommen sollte (wovon mir auch die 10 Euro Erhöhung seit 1.1.2009 komplett als Einkommen vom sowieso super mageren ALG 2 abgezogen werden, wie natürlich auch der bis dahin gültige Satz komplett als Einkommen angerechnet wird), sie waren schon komplett verplant - und nicht etwa für einen Osterausflug, die dringend nötige Reparatur meines Autos (schon seit Jahresende sind wir mal wieder ohne) oder neue Schuhe für die Kinder oder gar mich, nein, zum Stopfen immer größer werdender Löcher :(

Wann hatte ich diese Meldung im Netz per Google gefunden? War es nicht doch noch Ende März, der 30. oder 31., gewesen? Aber findige Aprilscherzer würden solch einen Scherz natürlich entsprechend vorbereiten und die Meldung darüber - natürlich absolut perfekt getarnt auf echt aussehender Website - schon etwas früher ins Netz stellen, damit die Sache glaubwürdiger wird ... Aber wann hatte ich frühmorgens die Familienkasse (übrigens ein kostenpflichtiger 0180-Anruf!) der Arbeitsagentur angerufen um nachzufragen, wann denn die mir zustehenden 200 Euro nun auch ausgezahlt würden? (Und zur Antwort bekommen, die erhielte ich mit dem Kindergeld für April.) War das nicht etwa am 1. April, dem Tag der Scherze, gewesen? Hatten sie sich da auch einen "kleinen" solchen Scherz erlaubt?

Uff, ich weiß es definitiv immer noch nicht, ob die Sache nun echt ist oder nicht, ich hatte schon ein paar ebenso mittellosen Freundinnen davon erzählt, die nicht über Internet verfügen und sich ob meiner Nachricht sehr gefreut hatten ... Ich hoffe, daß das also alles seine Richtigkeit hat und die Meldung echt ist!!!

Hat ja alles nichts mit schulfrei zu tun, mag man sich denken. Aber doch! Momentan erlebe ich es gerade wieder sehr klar und verstärkt, daß mit Bildung im üblichen Sinne immer nur und ausschließlich die Bildung des Bürgertums gemeint war und nach wie vor ist, Bildung in jedem Sinne für diejenigen, die finanziell in trockenen Tüchern sind, und nach wie vor - oder sogar zunehmend eigentlich - so nur für genau diejenigen erreichbar. Zwei meiner in kargen Verhältnissen lebenden Freundinnen müssen dieses Jahr für Klassenfahrten ihrer Sprößlinge nach London aufkommen, nicht gerade das billigste Reiseziel, Taschengeld in einer mir unvorstellbaren Höhe dabeizuhaben, ist ebenso vorgeschrieben, wie das ganze weitere Drumherum der Reise.

Würden meine Kinder zur Schule gehen, wären wir alle immer nur am Hinterherrennen gewesen - nicht gewünschte (von mir) Statussymbole und Markenklamotten zu finanzieren, für die eigentlich kein Geld da ist, Kinobesuche, Geburtstagspartys mit entsprechenden Geschenkverpflichtungen verbunden usw. - dann der Frust zuhören zu müssen, wenn die anderen über Urlaube erzählen, die wir nicht (schon seit geraumer Zeit nicht mehr) machen können, wenn sie Inliner, Skateboards, Skier etc. erwerben, um schicken Sportarten zu frönen uvm. Durch das schulfreie Leben wurden die Statussymbole erst sehr spät überhaupt nachgefragt, der modische Geschmack konnte sich frei entwickeln und ist nicht an teure Marken gebunden, die dauernden Vergleiche mit finanziell potenteren Mitschülern entfallen ganz.

Und ich hoffe, daß mir mein Alptraumvon vergangener Nacht nur einen üblen Streich gespielt hat und daß tatsächlich nächste Woche statt 328 satte 528 Euronen auf meinem Konto eingehen werden!

*)
Mehr für Kinder und Familien
Familien erhalten für jedes Kind in diesem Jahr einen einmaligen Bonus von 100 Euro zusätzlich zum höheren Kindergeld. Der Bonus wird von den Familienkassen so schnell wie möglich ausgezahlt und nicht mit Sozialleistungen verrechnet.

Montag, 30. März 2009

Basteln - Rückblick (1)

Samuel hat früher sehr viel gebastelt, gleichzeitig hat er oft Cassetten oder CDs gehört. Er hat sich auf diese Weise oft stundenlang alleine beschäftigt, die Materialien für die Basteleien waren zu Hause vorrätig und die Werkzeuge dazu auch. Die Cassetten und CDs, die er dazu anhörte, haben wir entweder selber erworben oder geschenkt bekommen, oder Samuel hatte sie sich (stapelweise) aus der Stadtteilbibliothek ausgeliehen. Er hörte alle möglichen gängigen Kinderklassiker (Michael Ende, Otfried Preussler etc., altbekannte Märchen, griechische Sagen uvm.) und manchmal auch etwas "Exotischeres", das ihm oder uns irgendwie untergekommen war (z. B. wenig bekannte Märchen aus anderen Kulturkreisen mit entsprechenden Musikstücken kombiniert).

Letzthin habe ich ein Bastel-Exemplar, das ich immer besonders schön fand, wieder ausgegraben, ich meinte, er hieße der "Erd-Löwe", aber Samuel meinte, wenn dann wäre es sicher ein "Erd-Tiger". Leider ist mir (kontinuierliches) Dokumentieren immer so zuwider gewesen, daß ich solche Dinge wie die Namen der gebastelten Figuren und die Entstehungsdaten nicht notiert habe - was ich heutzutage bereue.















Wie man sieht, ist der Erd-Tiger schon etwas ramponiert und angestaubt, aber man kann seine ursprüngliche Pracht noch erahnen - gefertigt aus den wesentlichen Bestandteilen Eierkarton und Klopapierrolle und mit den charkteristischen* (*dazu gibt es bald einen weiteren Post) Hexenleitern-Gliedmaßen.


Im Dezember 2003 hatten wir eine Woche Besuch von Heidrun, und wenn ich mich recht erinnere, so war sie es, die Samuel das Papierfalten nach Vorlagen (Origami) schmackhaft gemacht hat. Ein schönes und noch vorhandenes Origami-Exemplar, das Samuel irgendwann in der Zeit nach Heidruns Besuch gefaltet hat, ist der weiße Wolf. Man neigt ja dazu, solche Betätigungen wie diese Art von Basteleien als reine Freizeitvergnügungen abzutun, vielleicht noch mit einem anerkennenden "Du bist aber geschickt" belobigt - aber ich denke, daß genau betrachtet in solchen Tätigkeiten, gerade wenn sie (phasenweise) exzessiv ausgeführt werden, ein ernormer Lerneffekt verborgen ist. Wenn ich mir den weißen Wolf ansehe, dann kann ich mir z. B. vorstellen, daß man sich durch das genaue Falten von Papierstücken (unbewußt) eine ganze Menge geometrisches (und allgemein mathematisches) Verständnis erarbeitet.

Besonders faszinierend fand ich bei meinem Sohn auch stets, daß er fast immer mehr als einer Sache zur selben Zeit nachging - also so gut wie immer beim Basteln auch etwas anhörte. Dies ist mir selber immer sehr fremd gewesen, ich habe, wenn ich z. B. konzentriert gemalt oder gezeichnet habe, selbst nebenzu laufenden Radio als unnötige Geräuschkulisse empfunden bzw. diese dann so ausgeblendet, daß ich davon rein gar nichts mitbekommen habe. Mittlerweile gelingt es mir wenigstens beim Abspülen so zuzuhören, daß ich später noch weiß, was ich gehört habe :) - aber selbst das war mir früher fremd.

Dienstag, 10. März 2009

Unschooling

Unschooling-Konferenz im Juli in London
Hier möchte ich auf eine Veranstaltung hinweisen, die am Samstag, den 25. Juli 2009, in London stattfinden wird. Wer Interesse daran hat, der findet hier eine Yahoo-Group mit Informationen zu dieser Veranstaltung.


Unschooling - Gedanken dazu, was es ist und was es nicht ist

Bedingt durch die nicht ganz freiwillige Teilnahme meines Sohnes am Programm der Flex-Fernschule, den durch die Nicht-Freiwilligkeit entstehenden Stress und Streit, habe ich wieder angefangen, mir verstärkt Gedanken über Unschooling zu machen - und über die Unvereinbarkeit von Unschooling mit auferlegten Überprüfungen. Unschooling bedeutet nicht, daß Bildung verachtet wird, daß nicht gelernt wird und die Eltern nicht für ihre Kinder sorgen. Unschooling hat sehr viel mit einem respektvollen und gleichberechtigten Umgang mit Kindern zu tun und natürlich damit, daß die Erwachsenen wirkliches Vertrauen in die Kinder haben können. Nicht umsonst hat die erste deutsche und deutschsprachige Website zum Unschooling, das Informationszentrum Leben ohne Schule, zwei entsprechende Schwerpunkte: Das Leben ohne Schule und den respektvollen, gleichberechtigten Umgang mit Kindern.

Folgender Text von dieser Website drückt meine Gedanken zum Unschooling perfekt aus:
The basic principle of unschooling is that humans are born to learn. Just like breathing, we learn throughout our entire lives without anyone making us do so. Learning is pleasurable if it is not forced on us. The goals of unschooling have so much to do with freedom, respect and trust. The true freedom, respect and trust that all humans deserve, including children. Without freedom of choice, real learning can not happen easily or authentically. Unschooling gives your family the gifts of a free, joyous life together where real learning happens everyday.


Unschooling - ein Video von MenschenSkinder2000

Zum Abschluß gibt's hier noch ein inspirierendes Video mit Zitaten, die zum Nachdenken anregen, und mit schönen Bildern: