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Samstag, 31. Mai 2008

He-Tof: Home Education Colloquium and Festival

3. Internationales Kolloquium zu Home Education
und erstes He-Tof Festival in den Niederlanden

Am vergangenen Wochenende war es wieder soweit: Ein weiteres Internationales Home Education Kolloquium fand statt. Und ich war glücklich, es in letzter Minute doch noch geschafft zu haben, die fast 500 Kilometer nach Hedel bei s'Hertogenbosch zu überwinden und an diesem Kolloquium teilzunehmen! Es war wie jedes Jahr bisher eine wunderbare Erfahrung.

In der Nacht von Freitag auf Samstag machte ich mich mit Charlotte auf den Weg. Samuel wollte diesmal nicht mit, die weite Fahrtstrecke für zwei Tage Aufenthalt war ihm zu anstregend, außerdem ergab es sich dann günstig, daß es am selben Wochenende eine Übernachtung im Kinder- und Jugendhaus gab, zu der er eh wollte. Mit Verspätung kamen wir am Samstag an, nachdem ich mich - kaum über der niederländischen Grenze - ordentlich verfahren hatte. Zum Schluß, ich war unserem Ziel schon ganz nahe aber konnte einfach den richtigen Weg dorthin nicht finden, fuhr mir eine nette Holländerin mit ihrem Auto ca. 10 km weit voraus, bis direkt vor das Grundstück, wo das Kolloquium stattfand!

Obwohl Charlotte die vielen Stunden zuvor im Auto verbracht hatte und nicht mal ordentlich gefrühstückt hatte, kam sie gleich mit mir zum Vortragszelt und saß dort sogar lange ziemlich still dabei, so daß ich den Vortragenden gut zuhören konnte.

Auf dem Privatgrundstück hinter dem Haus mit den Flaggen waren mehrere große Zelte aufgebaut, und im Berber-Zelt fanden die Vorträge statt. Der Boden war mit einem riesigen Teppich ausgelegt und diejenigen, die das Zelt betraten, waren gebeten, ihre Schuhe auszuziehen. Ein Hauch von Orient wehte hier.















Nanda van Gestel, deren Vortrag mir am wichtigsten gewesen wäre, der auch einer der besten wenn nicht sogar der beste des gesamten Kolloquiums gewesen sein soll, hatte ich leider verpaßt. Dafür hatte ich dann noch Gelegenheit, mich privat mir ihr auszutauschen.

Nanda ist Mutter von vier Söhnen im Alter von neun bis achtzehn Jahren und hat viele Jahre Unschooling-Erfahrung mit ihren Kindern. Der älteste Sohn ist leicht körperlich und geistig behindert und Autist. Er war beim Kolloquium mit dabei. Das ist solch eine Seltenheit, daß Kinder oder Jugendliche mit Handicap zu den Veranstaltungen zu Bildungs-Freiheit kommen, daß ich einfach super gespannt war, Nanda und ihren Sohn zu treffen. Bisher war ich zwar selbstverständlich mit Charlotte zu den Veranstaltungen gegangen, aber Menschen mit vergleichbaren Problemen hatte ich dort nie getroffen.

Nicht neu und dennoch wieder interessant waren für mich die Ausführungen von Dr. Alan Thomas und Harriet Pattison, zwei britischen Wissenschaftlern, zu ihren Forschungen über Bildung zu Hause und informelles Lernen. Nachdem ich kürzlich Alans 1997 erschienenes Buch Educating Children at Home in deutscher Übersetzung (Bildung zu Hause: Eine sinnvolle Alternative) gelesen hatte, erwarb ich nun auch noch sein aktuelles Buch How Children Learn at Home.














Von den weiteren Vorträgen am Samstag und auch am Sonntag, die alle sehr interessant waren und zum Teil zu angeregten Diskussionen zwischen Publikum und Referenten führten, waren mir vor allem die Beiträge von Dagmar Neubronner zur Bindungsforschung, deren Vortrag zu einem ähnlichen Thema ich letztes Jahr versäumt hatte, und von Tilmann Neubronner zum sogenannten "Goldbecher-Gutachten" wesentlich. Insbesondere Tilmanns Thema betrifft ja gezielt die Situation der deutschen Homeschooler, genauer gesagt die deutsche Rechtslage in Bezug auf Homeschooling.
















Wer sich für Einzelheiten des Programms und zu den Vorträgen und Vortragenden interessiert, findet hier die Details dazu.
























Neben dem Vortragsprogramm gab es die unterschiedlichsten Betätigunsmöglichkeiten für die Kinder und Jugendlichen, darunter auch XL-Outdoor-Spiele und zwei Riesentrampolins. Doch auch das Gelände als solches, das Grundstück hinter dem Haus und die angrenzende Wiese, auf der gecampt und geparkt wurde, boten Freiraum für verschiedenste Aktivitäten. Mit Essen und Trinken konnte man sich auf Wunsch vor Ort versorgen. Wir nahmen das gerne in Anspruch und erhielten am Samstag mittags einen Linseneintopf und abends ein leckeres vegetarisches Nudel-Gemüse-Gericht mit Salat.








































Die Kinder waren auch kreativ tätig, unter anderem wurde mit Wolle gebastelt, gefilzt und Kuchen gebacken. An anderer Stelle wurde gehämmert und genagelt und es wurden Tipis aus Ästen und Laub errichtet.


Nach dem Abendessen gab es Darbietungen zweier Jugendlicher, die sich schulfrei bilden. Ein junges Mädchen trug mehrere japanische Lieder vor, eine andere junge Frau präsentierte einen Rock-Song.

Am frühen Samstag abend, beim Fußballspielen,
hatte Charlotte dann leider einen Grand-Mal-Anfall, als sie über den Ball stolperte. Ich habe den Eindruck, daß sie in letzter Zeit Anfälle aus dem Wachen immer dann hat, wenn sie in Panik gerät oder Angst hat - fast wie eine Paradoxwirkung auf das Frisium, das sie nun seit über drei Monaten täglich einnimmt.

Wir schliefen im farblich wunderschön bunten Jezebel-Zelt, weil ich kein eigenes Zelt mit hatte. Dorthin brachten wir Charlotte nach dem Anfall, sie lag und saß dann lange Zeit auf der Campingliege, die auch ihr Bett für die Nacht war, und ich bei ihr. Da das Zelt offen und genau gegenüber dem einen großen Veranstaltungszelt war, wo es die Musik gab, mußte ich nicht auf die Unterhaltung verzichten. Irgendwann schlief sie auch ein, hatte noch einen weiteren Grand-Mal-Anfall im Schlaf, aber dann war Ruhe, und ich konnte noch gemütlich ein Bierchen trinken und mit den anderen "Nachteulen" zusammensitzen und plaudern.

Das Musikprogramm war erster Klasse, ein junges Pärchen, sie Sängerin, er Gitarrist, präsentierten wunderschöne, selbstgeschriebene und -komponierte Songs. Von den Monophones wird man sicher noch mehr zu hören bekommen in der Zukunft.




Am Sonntag wollte Charlotte nicht aus dem Auto raus. Das Auto stand auf dem Nachbargrundstück, einer riesigen Wiese, wo die Camper und Autos waren, aber direkt nahe an der Grenze zum Grundstück hinter dem Haus. Wir hatten uns umgezogen und gefrühstückt, deswegen waren wir beim Auto, denn das Jezebel-Zelt war ja tagsüber für alle offen. Ich stellte also Charlotte ihre Musikcassette an und ging zum ersten Vortrag. Die Kinder vom Wohnwagen, der nebenan stand, kennen Charlotte schon lange und hätten mich informiert, wenn Charlotte Hilfe gebraucht hätte. Waren sie unterwegs, so waren immer einige andere Kolloquiums-Teilnehmer in ihrer Nähe. Ich konnte so auch noch die anderen Sonntagsvorträge in aller Ruhe und voller Länge hören, Charlotte bewies an diesem Tag echt "Sitzfleisch"!




































Mittags gab's China-Imbiß, doch auch den nahm Charlotte im Auto sitzend ein. Auch zum Auftritt der beiden Musikkomiker Cees&Cees wollte sie nicht raus. Erst als alles vorbei war, kam sie aus dem Auto wieder raus. Das kenne ich von anderen Veranstaltungen mit vielen Leuten von Charlotte, daß sie sich gerne ins Auto zurückzieht, wenn sie Ruhe braucht. Aber so ausgeprägt, daß sie fast einen ganzen Tag drin hockte, hatten wir es bei weitem noch nicht.



Cees&Cees begeisterten Klein und Groß und animierten das Publikum zum Mitsingen und -tanzen. Manche der Eltern nutzten die Gelegenheit, ihre Kinder gut unterhalten zu wissen, und packten in Ruhe ihre Siebensachen für die abendliche Heimfahrt zusammen. Nach dieser Unterhaltungseinlage fand die Verabschiedung im runden Zelt statt, und wieder mal waren sich wohl alle der begeisterten Teilnehmer einig, daß dies nicht die letzte derartige Veranstaltung sein wird.








































































Einige Teilnehmer blieben noch eine Nacht und genossen es, einen weiteren langen Abend mit Gesprächen am Lagerfeuer zu verbringen. Ich nutzte die Gelegenheit, das nun nicht mehr beständig mit Beschlag belegte Riesentrampolin zu testen, was kolossal Spaß machte. So ein Trampolin hätte ich selber gerne daheim im Garten stehen, ich würde es sicher ausgiebig nutzen. Nach dem Sport ließ es sich am wärmenden Feuer bei guter Musik und Bier wunderbar entspannen.

Wir haben auch nochmal übernachtet, Charlotte schlief diesmal gleich im Auto auf den Rücksitzen quer, so daß ich sie nicht hätte wecken müssen, wenn sie beim Abfahren noch geschlafen hätte. Ich schlief im offenen runden Zelt auf der Campingliege. Das Auto hatte ich nahe zum Zelt fahren können, denn die meisten Teilnehmer waren ja nun schon abgereist. Montag morgens fuhren wir mit Anke Caspar-Jürgens vom BVNL, die - wie sich herausstellte - auch nach Karlsruhe wollte, zusammen zurück. Es war ein wunderbares Wochenende für mich.
Ich war auch sehr froh darüber, wie nett und achtsam alle, Erwachsene und Kinder, mit Charlotte umgingen. Sie durfte einfach dabei sein und dazu gehören, etwas das wir selten genug erleben.

Sogar ein Journalist vom Bayrischen Rundfunk war extra angereist, er macht im Juli eine einstündige Sendung über Homeschooling im BR. Auf die Sendung werde ich dann noch hinweisen, wenn dies aktuell ist.

Last but not least spielte auch das Wetter super mit: Am Samstag war es sommerlich schön, aber nicht zu heiß (man merkte den Norden und das zum Meer offene Land deutlich), als alle schliefen, also nach zwei oder drei nachts, fing der Regen an, der sich zu einem mehrstündigen heftigen Regenguß entwickelte. Wie froh war ich über das tolle große und regendichte Zelt, in dem wir schliefen! Ich dachte mit Grauen an den nächsten Tag, doch der Morgen empfing uns ohne ein Tröpfchen vom Himmel, es war
bewölkt, aber trocken. Später nieselte es ab und zu ganz kurz, aber mittags kam nochmal die Sonne voll raus und zum Nachmittag und Abend hin wurde es immer schöner. Erst am Montagmorgen, bei unserer Abfahrt, regenete es wieder, aber nur ganz leicht.










































Niederländisch He tof! bedeutet einerseits auf Deutsch Hej, prima! und andererseits steht es für Home Education - Thuis Onderwijs Festival (Bildung zu Hause-Festival), ein Wortspiel, das auch auf dem Logo der diesjährigen Veranstaltung erscheint.



Einige Fotos sind aus dem Picasa-Webalbum von Bernadette van Zuidam, Fotografinnen: Inge und Lana. Herzlichen Dank, daß ich sie verwenden darf!

Ein Bericht der Gastgeber-Familie (auf Niederländisch) ist hier zu finden.