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Dienstag, 17. Juni 2008

Begegnung ...

Seit ich weiß, daß es Blogs gibt, lese ich auch gerne mal bei anderen Bloggern. Derzeit besonders gerne bei Thousand Sunny's Weblog und ... einfach Familie!, wenn mich die Geschichten anderer Freilerner-Familien interessieren. An Thousand Sunny's Erlebnis, als er barfuß in Bogenhausen unterwegs war, fühlte ich mich heute erinnert, als ich die folgende kurze Begegnung hatte:

Heute mußte/sollte Charlotte zur Ergotherapie. Dienstags ist immer erst Ergotherapie und dann Krankengymnastik. Eigentlich können wir beides per Straßenbahn erreichen, aber zur Ergo fahre ich - trotz dortigem akutem Parkplatzmangel - fast immer mit dem Auto. Das spart mir circa 20 Minuten Zeit = 20 Minuten später von zu Hause weggehen.

Heute wollte Charlotte partout nicht aus dem Auto aussteigen, als wir bei der Ergo angekommmen waren. Ich parkte in einer Einfahrt, wie meistens. Ich wollte Charlotte möglichst schnell in der Ergo abliefern und dann das Auto wegfahren. Aber sie wollte nicht raus aus dem Auto. "Die Charlotte nicht aussteigen." Das war klar ausgedrückt. Also habe ich sie kurz im Auto eingeschlossen und bin alleine zur Ergo, um dort Bescheid zu geben, daß wir da sind, aber Charlotte nicht aus dem Auto raus will.

Die Ergo ist im Erdgeschoß in einem Ärztehaus. Am Eingang zum Haus ist eine Türe mit Lichtschranke. (Charlotte findet es oft ganz toll, die Lichtschranke in Gang zu setzen und das Auf- und Zuschwingen der Türe zu beobachten.) Ich blieb vor der Türe stehen, weil gerade ein ziemlich altes, schon deutlich zerknittertes (die Haut, nicht die Kleidung!) Ehepaar am Herauskommen war. Der Mann kam ganz heraus, die Frau, eine ganz kleine, blieb im Türdurchgang stehen und machte mir mit der Hand ein Zeichen, daß ich vorbeigehen solle. Also ging ich ins Haus hinein.

Erst als ich ihre Stimme hörte, wurde mir bewußt, daß sie noch immer dastand, den Blick nach unten zu meinen Füßen gerichtet. "Barfuß!" Es klang scharf und eindeutig vernichtend. Häh? dachte es in mir. "Ich bin nicht barfuß", sagte ich, "ich habe Schuhe an." Und dabei hob ich mein linkes Bein leicht an, knickte es im Kniegelenk und vollführte mit dem Fuß eine leichte Drehbewegung unter ihren Blicken, um ihr zu demonstrieren, daß an diesem Fuß tatsächlich ein Schuh (wie auch am anderen, dem rechten, auf dem ich stand) steckte, der auch wirklich alles an sich hat, was ein Schuh so braucht, insbesondere eine Sohle unten dran. (Erst gestern, spätabends, habe ich diese Schuhe - Birkenstockbilligverschnitt - bei Real für knappe 10 EUR erstanden und sie heute genüßlich zum ersten Mal ausgeführt.)

Ich hörte wieder ihre Stimme: "Die Schuhe sind" - sie stockte - "doch zum Laufen", ergänzte sie dann ganz schnell. Ich war erheitert und lachte sie an: "Wozu sonst?" Ich drehte mich vollends um und ging durch die Praxistüre endlich in die Ergo rein.

Nach etlichen Malen hin und her zwischen Ergo und Auto, endlich hatte Charlotte sich bereit gezeigt, doch das Auto zu verlassen und eine Resteinheit Therapie zu nehmen, ging ich dann abschließend zu meinem Auto, um es nun endlich wegzufahren und an einem freien Parkplatz abzustellen. Da standen sie wieder, die beiden älteren Leute. Er hatte irgendeine Aktentasche vergessen und gesucht, soviel hatte ich mitbekommen, und nun war die Suche wohl abgeschlossen - ob erfolgreich, kann ich nicht sagen. Und noch einmal hörte ich ihre Stimme: "Jessas, jessas, jessas!" Barsch und mit diesem endgültigen und vernichtenden Klang wie zu Beginn.

...

Ich habe dann ein bißchen darüber nachgedacht, wie ältere Leute manchmal doch so ganz unvorhergesehen reagieren und warum sie es wohl tun. Diese beiden Leute waren wohl noch nicht so alt wie meine Eltern, die beide plus-minus achtzig sind, aber wohl auch nicht mehr in den Sechzigern, ich schätze sie auf plus-minus Mitte siebzig. Also noch in Kriegszeiten gebürtig und vermutlich seinerzeit auch mit der Ärmlichkeit, der Angst und dem Mangel konfrontiert. Gibt es nicht gerade aus diesen Zeiten, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, Kriegszeiten, Nachkriegszeiten so Bilder von zu nahezu jeder Jahreszeit kurzbehosten Jungs (wohl damals eine Mode) und barfüßigen Kindern in ärmlichen Kleidern (Armut und Mangel)? Vielleicht wollen Menschen, die das damals miterlebt haben, einfach nicht mehr daran erinnert werden, daß man sich auch ohne warme Socken, barfuß in billigen Sandalen, bei doch immerhin 15 bis 20° C ganz komfortabel fühlen kann? Vielleicht empfinden sie dabei in Erinnerung die Schmerzen wieder, die sie ertragen mußten, wenn sie bei echter Kälte in billigem, unzureichendem oder ganz ohne Schuhwerk laufen mußten?

Ich erinnerte mich dabei auch daran, daß ich mal mit Samuel, als er vielleicht eineinhalb Jahre alt war, bei einer Tante zu Besuch war (sie wäre mittlerweile Anfang achtzig, starb aber schon vor über zehn Jahren). Diese Tante monierte, daß so viele Leute heutzutage essend durch die Fußgängerzone laufen. Etwas, das mir niemals aufgefallen wäre (nicht als etwas, das man besonders wahrnehmen müßte, denn es war für mich einfach alltägliche Normalität, beim Gehen essende Menschen zu sehen), hätte es meine Tante nicht erwähnt. Sie war dadurch deutlich gestört, es entsprach nicht ihrem Geschmack für das, was in der Öffentlichkeit angemessen ist.

Wie haben sich doch die Zeiten gewandelt. Werden doch heute in der Öffentlichkeit Verhaltensweisen als tolerabel und normal angesehen, die früher als absolut intim galten, Anstoß daran nehmen nur noch besonders verkniffene Menschen oder solche, die irgendeine Art "Schlag" haben. Erwachsenen kann man heute nicht mehr viel vorschreiben. Aber den Kindern ... ?! (Ja, das wird gerade wieder salonfähig!) Ein Kind, das barfuß in der Stadt rumläuft, im Winter in Sandalen unterwegs ist, die Haare ungewaschen und verfilzt hat, das ein gammelig wirkendes Brot genüßlich mit dreckigen Fingern in seinen Mund schiebt - das alles kann unter Umständen großen Anstoß erregen und das Jugendamt auf den Plan rufen, mit nicht absehbaren Folgen!

Wie oft denke ich in letzter Zeit an die in Momo beschriebenen Kinderdepots. Die Erzieherinnen wären alle wie die kleine alte Dame von heute Vormittag und herrschten die ungezogenen unter den Kindern mit ihren barschen Stimmen an: "Barfuß!" "Ungewaschen!" "Ungekämmt!" "Ungeschnitten!" "Naaaackig!!!" "Bauchfrei!" "Ge-piiiiirsst!" usw. usw.

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