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Montag, 31. März 2008

Ein Frühlingswochenende

Das letzte März-Wochenende war nun wirklich ein wahres Frühlingswochenende!

Samstags fuhren drei große Jungs - Samuel mit zwei Freunden, einer aus Kindergartentagen und ein Nachbarsjunge - mit Charlotte Fahrrad. Zu Beginn gab es einen kleinen Disput, wer als erster das Reha-Fahrrad mit Charlotte chauffieren dürfe, dann mußte noch allerhandlei erledigt werde - Reifen aufpumpen, Getränke einpacken usw. - und dann ging's los. Über zwei Stunden waren sie unterwegs, die drei Teenies, perfekte Babysitter, mit Charlotte - zwischendurch wurde Eis gekauft und genossen - Charlotte habe es voll Spaß gemacht, hörte ich, und sie sah auch sehr zufrieden aus, als sie wieder zurück kam.

Sonntags besuchten wir unseren besten Freund, der leider sehr bald wegziehen wird, auf seinen Pachtäckern und machten das erste Grill-Picknick des Jahres. Wieder war Samuels Freund aus Kindergartentagen mit dabei, und wie immer waren die Jungs begeistert mit dem Feuermachen und Grillen, der Zubereitung von Salat-Rohkost, dem Ausprobieren landwirtschaftlicher Gerätschaften und dem Schnitzen von Stöcken beschäftigt. Samuels Freund tröstete sich über das Ferienende damit hinweg, daß er sich sagte, daß ja zum Glück bald wieder Pfingst- und danach fast ebenso bald die langen Sommerferien kämen. Während wir aßen, erzählte er uns, daß bei ihm in der Schule während des Kochunterrichts einige Schüler immer mit Lebensmitteln herumwürfen, was er blöd finde. Auch erzählte er, daß eine Lehrerin am Elternabend gesagt habe, daß sie bald nicht mehr könne, so sehr würden einige Schüler ihr Ärger bereiten. Schulwelt, eine Sozialisationserfahrung, die wirklich notwendig sein soll?

Erfrischt von diesem kleinen Ausflug ins Grüne kamen wir abends mit verräucherten Klamotten nach Hause. Charlotte war sehr ausgeglichen, gar nicht so laut wie sonst und ging bald von sich aus ins Bett. Zur Zeit hört sie beim Einschlafen immer die "Si-Sa-Singemaus", heute mußte ich ihr noch ihren speziellen Einschlaflieder-Reigen vorsingen (Schlaf Kindlein schlaf, Weißt Du wieviel Sternlein stehen, Die Blümelein sie schlafen, Guten Abend, gut' Nacht), bevor sie zur Ruhe kommen konnte. Samuel spielte noch lange am Computer bevor er ins Bett ging, und seine Begleitung, um in den Schlaf zu finden, war diesmal "Hier spricht Radio Tyrus: König David - Herrscher der Einheit".

Freitag, 28. März 2008

Lesen und Lebensfreude

Klar, für uns - da spreche ich mal für mich und meinen Sohn, ob meine Tochter je lesen lernen wird, ist fraglich - ist Lesen eine Beschäftigung, die ganz enorm zu unserer Lebensfreude beiträgt. Mein Sohn verschlingt die Bücher geradezu - was ich übringens seit meiner Kindheit und mindestens solange, bis ich selber Kinder hatte, auch getan habe, danach fehlte mir dazu oft die Muße.

Ich möchte an dieser Stelle auf den Internationalen Kinderbuchtag - International Children's Book Day hinweisen:
Internationaler Kinderbuchtag

Am 2. April 2008, dem Geburtstag von Hans Christian Andersen, feiern Leseförderer weltweit den Internationalen Kinderbuchtag. Diese Aktion etablierte das International Board on Books for Young People (IBBY) vor über 40 Jahren, um verstärkt Aufmerksamkeit auf die Kinderliteratur und Leseförderung zu lenken. Jedes Jahr übernimmt eine andere nationale IBBY-Sektion die Patenschaft für den Kinderbuchtag - in diesem Jahr ist es Thailand. Die traditionelle Botschaft mit der Überschrift "Books Enlighten: Knowledge Delights" verfasste Chakrabhand Posayakrit, der auch das Motiv für das Poster malte. Botschaft und weitere Informationen: www.ibby.org
von: Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.

Auf der Seite des International Board on Books for Young People findet man weitere Mottos der zurückliegenden Jahre, wovon mir das 2005er sehr gut gefällt: "Books Are My Magic Eyes". Dabei denke ich zurück an die Zeit, als ich Samuel noch Bücher vorgelesen habe, zum Beispiel einmal die Gesamtausgabe von Kleiner König Kalle Wirsch. Ich fühlte mich zurückversetzt in meine eigene Kindheit mit den Aufführungen der Augsburger Puppenkiste, die wir im Fernsehen verfolgten. Ganz so wie es das 1997er Motto des Internationalen Kinderbuchtages ausdrückt: "Childhood Is Poetry of Life. Poetry Is Childhood of the World". Momo, Pippi Langstrumpf, etliche Märchen, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer und viele, viele wunderbare Leseerlebnisse mehr wiederholte ich mit meinem Sohn. Und auch wenn meine Tochter weit vom Sich-Vorlesen-Lassen oder gar Selber-Lesen entfernt ist, so profitiert sie dennoch von meiner und meines Sohnes Lesefreude. Wenn wir beide mit Büchern in der Hand dasitzen, dann kommt auch sie mit einem der wenigen Papp-Bilderbücher, die sie ganz besonders mag, an und möchte, daß man mit ihr zusammen diese Bücher anschaut und sie kommentiert. Und sie macht dabei auch Fortschritte, sie lernt neue Begriffe und hat auch schon angefangen, sich für Buchstaben zu interessieren.

Eine weitere Leidenschaft meines Sohnes ist neben dem Lesen von Büchern das Hören derselben. Während für mich das Bücher-Hören ziemliches Neuland war, wachsen meine beiden Kinder damit auf. Samuel hörte die Bücher, die er las, auch auf Cassetten, er hörte Märchen, Sagen, zur Zeit hört er vorwiegend Krimis, doch auch Klassiker wie Alice im Wunderland und Dauerbrenner wie Pu, der Bär oder Der Wind in den Weiden. Charlotte hatte eine absolute (nur noch antiquarisch erhältliche und zur Zeit leider nicht mehr auffindbare) Lieblingsgeschichte zum Hören, Pippi bei den Seeräubern, zuerst auf CD, dann auf Cassette, und nun, da beide Teile lädiert sind, versuchen wir etwas vergeblich, sie an andere Pippi-Geschichten zu gewöhnen.

Einer unserer neuesten Hörbuch-Hits ist Die Entlarvung des Osterhasen von Erich Kästner (der hörverlag). Wer mag, kann diese Geschichte hier nachlesen. Eine kleine Kostprobe daraus verrät, daß der Autor wohl nicht gerade ein fanatischer Schulgänger war ...
Aber niemand hob die Hand … So sicher es war, daß alle an den Osterhasen glaubten, so klar wurde es ihnen plötzlich, daß dieser Glaube ein Zeichen von Dummheit sei. Welcher Mensch aber hat den Mut, sich zu seiner Dummheit zu bekennen? Und gar welches Kind?
Mit einem Male wußten alle, daß es keinen Osterhasen gab. Niemand wußte noch, wie sich das Eierlegen sonst erklären lasse. Nun, diesen Bildungsdefekt zu beheben war das Werk einer kurzen Stunde.
Der radikale Inventurausverkauf unseres Märchenglaubens kam überraschend. Ich kann es nicht leugnen. Und daß ich zu Hause schrecklich geheult habe und daß meine Mutter sehr geschimpft hat, weiß ich noch recht gut.
Aber, nicht wahr, was will das besagen gegenüber der Tatsache, daß man uns an diesem Tage menschenunwürdigen Einbildungen entriß! Nun waren wir doch auf der kerzengeraden Marschroute in den Konfirmationsanzug! Noch ein paar Jahre Addieren und Dividieren, Bibelsprüche und Gesangbuchverse, Jangtsekiang und Ludwig den Bayern – das war das wenigste…
An jenem Tage ging eine neue Sonne auf und eine alte Welt unter…
Im Ernst: Wenn ich meinem Lehrer noch einmal begegnen sollte – der Wahrscheinlichkeitsrechnung nach kann er noch rüstig am Leben sein –, ich würde ihm sagen: »Werter Herr! Sie waren seinerzeit so liebenswürdig, mich etwas plötzlich auf die Wirklichkeit vorzubereiten, als Sie den Osterhasen umbrachten. Beim Fortschritt der Menschheit, an den Sie glauben, das war für mich ein wenig hart. Und wüßte ich, daß Sie noch heute an jenen Fortschritt glauben – ich bin gern bereit, Sie von diesem Märchen zu erlösen. Eine Liebe ist der andern wert.«
Aber er wird mir nicht begegnen. Und das ist ebenso gut. –
von: http://files.sanssouci-verlag.de/docs/978-3-8363-0021-6_27391548488.pdf

Märzenskälte

Im Monat März vor vierzehn Jahren bekam ich - damals hochschwanger - Besuch von meiner wohl ältesten Freundin und deren Mann, sie kamen aus meiner ehemaligen Heimatstadt angereist. Karlsruhe, ein besonders warmes Fleckchen Deutschland, und dessen schöner, öffentlich zugänglicher Schloßpark luden uns damals zum ersten Picknick des Jahres geradezu ein ...

Der diesjährige März hat sich - jedenfalls nach meiner Erinnerung - im Vergleich zu vielen anderen Märzen der Vorjahre durch ganz besondere Kälte ausgezeichnet. So hatten wir gar ein weißes Ostern - wo doch in Karlsruhe sonst nichtmal zur Winterszeit wirklich viel und tagelang der Schnee fällt und liegenbleibt!

Eine treffendere Metapher für unser Leben während der letzten Wochen als diese diesjährige Märzenskälte könnte es kaum geben! Geschuftet und gekämpft, nächtelang durchgearbeitet und Briefe geschrieben, einen kleinen Sieg errungen - so wie die Frühlingsblumen und die sprießenden Bäume und Sträucher der winterlichen Kälte trotzen
- doch sofort wieder durch Behördenwillkür in die Enge getrieben ... seit der Abschiebung von Samuels Vater vor etwas mehr als vierzehn Jahren habe ich wohl die niederschmetternde Macht der kommunalen und staatlichen Stellen nicht mehr so schlimm erleben müssen!

Staatliche Institutionen sollten den Bürgern als Dienstleister zur Verfügung stehen, tatsächlich knebeln sie unbescholtene Bürger mehr und mehr. Ob Jugendamt, Schulbehörde, ARGE ... schneller als Du denkst kannst Du zum Opfer im Netz einer dieser gefräßigen Spinnen werden! Sie klauen Deine Kinder, nehmen sich das Recht, diese physisch und psychisch zu ruinieren oder saugen Dich finanziell aus, bis Du erledigt bist ... Und wenn Du Dich wehrst und schließlich zu Deinem guten Recht gekommen bist, dann freu' Dich nur nicht zu sehr, denn das Spinnentier sitzt noch immer hinter Dir und wird sich bitter rächen, dafür, daß Du nicht gekuscht hast, es hat die Macht, und Du bist nur ein kleines Ding in seinem Netz ... je mehr Du Dich wehrst, desto mehr wirst Du Dich in de
n klebrigen Fäden desselben verfangen ...

Und einmal mehr wird mir klar, warum meine Kinder nicht zur Schule gehen und daß das schulfreie Leben unsere einzige Chance ist, in unserer Situation - Ein-Eltern-Familie, finanziell mager ausgestattet, ein schwerbehindertes Kind in der Familie - einen Rest an persönlicher Würde zu wahren. Mein Sohn, im besten Teenie-Alter, ist sicher kein Engel, aber dennoch im Vergleich mit seinen mir bekannten Altersgenossen wesentlich friedfertiger. Keine wüsten Schimpfwörter kommen von ihm, kein Interesse an Suchtmitteln scheint er zu haben, keine Ballerspiele am PC scheinen ihn zu locken - ob das auch dann noch so wäre, wenn er zur Schule ginge? Er kann morgens ausschlafen, seine Zeit weitgehend selbst einteilen und nachmittags seine "zweite Heimat", das Kinder- und Jugendhaus besuchen, ohne daß Lern- und Hausaufgabendruck auf ihm lasten. Auch für meine Tochter schätze ich es sehr, daß wir frei sind vom morgendlichen "Fertigmachen", niemals würde ich sie aufwecken, nur damit sie pünktlich zu einem unnützen Schultagesbeginn bereitstehen könnte.

Wie oft höre ich, daß es doch eine Erle
ichterung wäre, wenn meine Tochter in die Schule ginge und ich einige Stunden ohne sie hätte! Das ist eine gängige Vorstellung, aber sie stimmt für mich, für uns nicht. Meine Kinder stören mich nicht, was mich stört ist der Terminstreß, den ich mitunter - trotz schulfreiem Leben - mit ihnen habe. Was mich stört sind all die unnützen Tätigkeiten, die das Bürokratiewesen mir aufzwängt. Dadurch geht uns so viel wertvolle Lebenszeit verloren, dadurch bekomme ich so viel schlechte Laune, und das alles belastet nicht nur mich sondern auch meine Kinder!

Was uns in all dem Schlamassel aufrecht erhält, sind neben dem steten und unbeirrten Beschreiten unseres ganz eigenen, individuellen Lebensweges auch all die Handreichungen, Hilfen und die Herzenswärme, die wir von verständnisvollen Mitmenschen und lieben Freunden erhalten! Und für sie gibt es hier einen virtuellen Blumengruß!


Foto:
© igbv / PIXELIO
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Montag, 3. März 2008

Warum meine Kinder nicht zur Schule gehen – eine erste Zwischenbemerkung

Diesmal geht es um Ausschnitte aus unserem Alltagsleben und grundsätzliche Überlegungen zu meiner die Schulpflicht ablehnenden Einstellung.


Spagat zwischen verschiedenen Lebenswelten


Seit fast zwei Wochen übe ich nun wieder einmal – jedoch nach langer, langer Pause, nämlich erstmals wieder seit Sommer 2001 – den Spagat zwischen der Kinderklinik Karlsruhe, dem vorübergehenden Domizil unserer (Charlottes und meiner) Nächte sowie mancher Tage, und unserem Zuhause. Nachdem es außer der Tatsache, daß ich mich zu einem stationären Aufenthalt in der Kinderklinik durchgerungen habe (was ja nicht grundlos geschah, sondern an besonders belastende Anfallssituationen Charlottes gebunden war), noch etliche andere Probleme in den letzten Tagen und Wochen zu bewältigen gab, habe ich sogar eher dan Eindruck, daß ich mich mal wieder an der Quadratur des Kreises übe, einer Unmöglichkeit, welche ich im Laufe das Lebens mit Charlotte dennoch immer wieder zu bewältigen habe.


Bin grad so geladen ... daß ich Bomben werfen könnt!“


Am Donnerstag vergangener Woche fing es an, daß ich mich eindringlich an rauhtierchens „bin grad so sauer ... daß ich platzen könnt !“ erinnert fühlte. Ungefähr fünfzig Kilometer Fahrtstrecke hatte ich mit dem Reharad zu bewältigen, davon etwa ein Drittel mit Charlotte dabei, den Rest alleine. Wobei Charlotte bereits knapp fünfzig Kilogramm wiegt, das Rehafahrrad mindestens zwanzig Kilogramm (geschätzt, es können durchaus mehr sein, alleine der vorne angebrachte Rollstuhl ist massiv und schwer), dann noch Gepäck hinten auf dem Gepäckträger sowie im Rucksack auf meinem Rücken – da habe ich einges mehr als mein eigenes Körpergewicht fortzubewegen. Und dabei bin ich ja keine Dreißig mehr, sondern werde dieses Jahr 47! Zudem konnte ich meine Erkältung einfach nicht richtig loswerden, und diese in Kombination mit dem Heuschnupfen, der gerade richtig aktiv ist und sich unter Streß verschlimmert, trugen nicht gerade zu meiner Fitness bei.


Alles in allem, wozu auch noch die Tatsache, daß wir ja seit Tagen völlig ohne Bargeld leben mußten, kam, war ich dann so geladen, daß ich fähig gewesen wäre, ein Dutzend Bomben zu werfen. Kein ganz schlechtes Zeichen, denn immerhin bewies es meinen Lebensmut. Die Wut – hier über die Unglaublichkeit der Umstände, die ich nur zum Teil selbst zu verantworten hatte – ist, wie ich immer wieder finde, letztendlich ein praktikabler Motor für persönliche Höchstleistungen, man darf dabei aber nicht so außer sich geraten, daß man vergißt, rechtzeitig vor dem Umfallen die Bremse zu ziehen. Außerdem will ich damit weder die Umstände, die zur Wut führen noch diese selber schönreden, beides zu vermeiden, ist das eigentlich Wichtige und Richtige!


Fremdbestimmung, Erschöpfung, Mißverständnisse ...


Dann wurde mir ausgerechnet an diesem Donnerstag in der Klinik die Zusage abgenötigt, am Abend nicht zu spät zurück zu sein, sondern schon um Neun oder spätestens halb Zehn, sodaß ich auch noch den ganzen Tag unter der Anspannung litt, diese Zeitvorgabe wenigstens einigermaßen einzuhalten zu versuchen. Als ich dann um viertel nach Acht abends aus Blankenloch zurück zu Hause war und noch circa fünfzehn Kilometer Fahrtstrecke in die Rheinstrandsiedlung am anderen Ende der Stadt und von dort mit Charlotte in die Kinderklinik vor mir lagen, war ich schon ziemlich geschafft. Ich brauchte eine Pause! Etwas zum Abendessen machen und essen mußte drin sein. Und ein bißchen Zeit für Samuel auch – auch wenn er schon bald vierzehn ist, so ist es doch noch ein bißchen zu viel für ihn, ganze Tage und Nächte und davon mehrere am Stück einfach alleine zu bleiben und zu managen, finde ich.


Ich rief also in der Klinik an und sagte, daß ich die vereinbarte Zeit nicht einhalten könne. Essen konnte ich vor lauter Erschöpfung dann trotzdem fast nichts, ich packte mir aber eine Ration davon ein. Warum eigentlich wurde wiederum versucht, mich zu einem früheren Eintreffen in der Klink zu nötigen? Hatte man nicht zur Genüge miterlebt, wie laut Charlotte sein konnte, wenn sie wach war und daß es eigentlich optimal lief, wenn ich mit ihr dann ankam, wenn sie so müde war, daß sie ohne weiteres in ihr Bett kletterte und möglichst schnell einschlief? Ich hatte den Eindruck, es gefiel vor allem den Krankenschwestern nicht, unser Rhythmus wich einfach zu sehr vom Normalen ab. Und dann wurde mir da noch der Vorwurf entgegengehalten, ich sei einmal erst um Zwölf nachts gekommen ... was erstens nicht wahr, sondern eine strake Übertreibung war und wofür mir zweitens wohl die völlig falschen Gründe unterstellt wurden.


Tatsächlich war ich am Wochenende zuvor, am Ende des Sonntags, erst um zwanzig nach Elf wieder mit Charlotte in die Kinderklinik zurückgekommen. Nachmittags waren wir bei schönem Wetter auf dem Spielplatz, danach schlief sie zu Hause eine Weile, Samuel fuhr für diese und die nächste Nacht zu Frau A., und ich saß alleine zu Hause mit der schlafenden Charlotte. Ich hatte null Lust, mich wieder mit dem Reharad den Weg zur Klinik entlang zu quälen, und ich wußte auch gar nicht, wie ich die schlafende Charlotte alleine runter zum Reharad befördern sollte. Als ich etwas zu Abend aß, wachte sie jedoch auf. Jetzt wäre es Zeit gewesen, zügig aufzubrechen, doch wollte Charlotte natürlich zuvor auch noch vom Abendessen ihren Teil. Meine Unschlüssigkeit und das Gefühl, das alles so nicht mehr zu schaffen – oh, wie viel leichter wäre es doch mit einem Auto (was ja mal wieder in der Werkstatt stand) zu bewältigen! – wuchsen an. Schließlich wurde es halb Elf, bis wir endlich losfuhren! Aus Frust, Erschöpfung, Hilflosigkeit ... nicht etwa aus Übermut und einem absichtlich provokativen: „Ich werde machen, was ich will!“


Was hat das mit schulfrei leben und lernen zu tun?


Man wird sich fragen, was das alles mit „schulfrei leben und lernen“ zu tun hat. Es hat sehr viel damit zu tun: An solch einem Tag wie dem vergangenen Donnerstag konnte ich mal wieder ausführlich erleben und darüber nachsinnieren, was Fremd- und Selbstbestimmung für weitreichende Auswirkungen auf das Leben haben, bis hin zu dem Punkt, daß man am liebsten nicht mehr sein möchte, wenn die (vermeidbare und damit sinnlose) Fremdbestimmung zu machtvoll und das eigene Leben und Erleben dadurch ganz nichtig wird. Alles, was auf mich durch die Krankheit meiner Tochter Charlotte zukommt, bestimmt mein Leben ja auch schon von außen, es liegt nicht mehr innerhalb meiner Selbstbestimmung. Den Einsatz aber, den ich diesbezüglich leiste, empfinde ich als absolut sinnvoll, wodurch auch sehr schwierige Situationen erträglich werden. Was mir bzw. uns jedoch als äußere Rahmenbedingungen, für die es keinen wirklich vernünftigen Grund gibt, vorgegeben wird, belastet mich bis zum Anschlag, wenn diese äußeren Rahmenbedingungen mit Ablauf und Struktur unseres Lebens nicht in Einklang stehen bzw. kollidieren.


Als ich selbst Schülerin war, war „die Welt noch in Ordnung“.


Ich habe mich immer mal wieder gefragt, warum ich – die ich sehr gerne ins Gymnasium gegangen bin (auf die vier Grundschuljahre hätte ich wohl gut verzichten können, aber das stand damals nicht zur Diskussion) und eine ziemlich gute Schülerin war, ohne mich groß dafür anstrengen zu müssen – heutzutage eine überzeugte Verfechterin der Entschulung bin. Dies rührt, wie mir klar wurde, daher, daß das Leben meiner Herkunftsfamilie und damit auch meines während meiner Kindheit und Jugend keinen Widerspruch zur Schulwelt darstellte, sondern sich beides problemlos miteinander verzahnte und die Schulwelt für mich selbst offensichtlich in manchen Bereichen sogar eine positive Ergänzung zur Lebenswelt in unserer Familie bereithielt.


Während – um exemplarisch ein Beispiel zu nennen – meine Herkunftsfamilie sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits in ungebrochener katholischer Tradition stand, ging ich auf ein protestantisch geprägtes Gymnasium. Die katholischen Schülerinnen, die dort in einer Minderheit aufgenommen wurden, hatten zwar ihren eigenen, katholischen Religionsunterricht, aber die Schulgottesdienste waren protestantische Gottesdienste und manche Lehrerin (vermutlich auch mancher Lehrer) war in der evangelischen Landeskirche engagiert. Meine Herkunftsfamilie war offen genug, damit die Begegnung mit der anderen Konfession eine Bereicherung darstellen konnte, was zur damaligen Zeit nicht vorausgesetzt werden konnte, da nach meinem Erleben die ökumenische Bewegung erst von den fortschrittlicher Denkenden unter den Gläubigen befürwortet wurde, nicht etwa von einer Mehrheit. Das verbindene Element zwischen familiärer Lebenswelt und Schulwelt war meines Erachtens das Bürgerliche, das keineswegs in Frage gestellt wurde, sondern als der Maßstab aller Dinge galt: Teil der bürgerlichen Gesellschaft zu sein war normal, erstrebenswert und Garant für ein Leben in Anstand und Wohlstand.


Was eigentlich läuft schief?


Das Leben von mir und meinen Kindern liegt dagegen so außerhalb der Norm, auch jenseits des – sich in meiner Wahrnehmung als bestimmender Faktor für ein Leben in Anstand und Wohlstand sowieso derzeit auflösenden – Bürgerlichen, daß die Lebenswelt der Schule damit nicht in Einklang gebracht werden kann, sondern alleine schon aufgrund ihrer äußeren Struktur damit heftig kollidiert (ganz zu schweigen natürlich von den inhaltlich-ideologischen Widersprüchen, zwischen unserer Welt und derjenigen, die sich um den Glauben an die Notwendigkeit einer Schulbesuchs- und Unterrichtspflicht etabliert hat).


Warum brachte die Freie Aktive Schule keine Entlastung für uns, wo doch der Kindergarten, den Samuel besucht hatte, eine wirkliche Hilfe in schwierigen Zeiten darstellte? Auch in der Freien Aktiven Schule gab es eine fest vorgeschriebene, für uns zu frühe Anfangszeit, nämlich sollten die Kinder bis spätestens halbneun Uhr morgens da sein. Und auch die inhaltlich-ideologischen Differenzen gab es sowie die mich insbesondere störende Haltung, daß auch Eltern noch erzogen („auf den richtigen Weg gebracht“) werden müßten. Elternmeinung galt – wenn es sich um noch erziehungsbedürftige Eltern handelte – wenig, ausschlaggebend war die Expertenmeinung (der Schulleiterin und der pädagogisch „geschulten“ Kräfte). So wurde mir ernsthaft gesagt, Samuel sei als kleines Kind zu viel mit Erwachsenen zusammen gewesen und daher, was seine sprachliche Entwicklung beträfe, frühreif. Man hatte also wieder einmal Programme im Kopf, zwar andere als in den staatlichen Schulen, aber Leitfäden waren diese Programme und nicht, wie es einzig und allein aus meiner Sicht sein sollte, vorbehaltlos (also ohne die heimliche oder offene Absicht, daran etwas zurechtrücken zu wollen) die Persönlichkeit, das Wesen und die Lebensumstände des einzelnen Kindes.


Betreuungs- und Bildungsangebote für Kinder sind Deinstleistungen.


Dagegen schien mir der Kindergarten (eine städtische Kindertagesstätte, das heißt fakultativ ganztags und mit Schülerhort) genau dies leisten zu können, die einzelnen Kinder in ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten, ihrem unterschiedlichen Wesen und aus den unterschiedlichsten Lebensumständen auf- und anzunehmen und ihnen einen Aufenthaltsort zu bieten, an dem sie sich möglichst behaglich fühlen konnten. Es ist mir klar, daß wir da großes Glück hatten und ich neige dazu, die positive Erfahrung der Kindergartenzeit von Samuel vor allem der hervorragenden Arbeit der damaligen Leiterin dieser Tagesstätte zuzuschreiben (was wieder einmal zeigt, daß es nicht einer von oben verordneten Reform des Betreuungs- und Schulsystems bedarf, sondern nur bewußt verantwortlich, menschlich und vernünftig handelnder Einzelpersonen, die ihren Weg konsequent gehen, wie dies zum Beispiel auch Rolf Robischon als Leiter einer staatlichen Grundschule demonstrierte).


Wenn man sich immer wieder klar macht, daß verpflichtende Aufenthalte in Einrichtungen zur Betreuung und Bildung für Kinder staatliche Übergriffe darstellen, welche die persönliche Freiheit des Individuums vollkommen grundlos verletzen, dann kann im Unkehrschluß nur gelten, daß in einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft Betreuungs- und Bildungsangebote für Kinder nichts anderes sein können als Dienstleistungen, und solche können – wenn sie Dienstleistungen bleiben wollen und nicht zu „Vergewohltätigungen“, um mit Bertrand Stern zu sprechen, verkommen sollen – nur freiwillig in Anspruch zu nehmende Angebote sein!


(Diesen Text habe ich heute vormittag in der Kinderklinik geschrieben, als Charlotte dort in der Badewanne saß, wie so üblich, wenn ich mit Charlotte alleine bin, mit tausenden von Unterbrechungen, während derer ich zu ihr gehen und ihr Handreichungen geben mußte. Der Text ist noch unvollständig, aber ich sende ihn nun dennoch ab, damit wieder ein neuer Beitrag im Blog steht, und eine Fortsetzung wird es demnächst geben.)