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Donnerstag, 19. Februar 2009

Donnerstag der Zwölfte

(Meine Notizen von letztem Donnerstag, dem 12. Februar)

Heute mußte ich zur Grundschule, der staatlichen, auf der Samuel das zweite Halbjahr der zweiten Klasse verbracht hat. Wir brauchen eine beglaubigte Kopie seines letzten Zeugnisses für die Prüfungsanmeldung bei der Flex-Fernschule.

Ich fuhr mit dem Fahrrad hin, die Hoftore waren zu, das erste verschlossen. Alles war ganz still. Die werden doch nicht Ferien haben? (Wir müssen das Zeugnis spätestens diesen Samstag nämlich wegschicken!) Das zweite Tor ließ sich aufschieben, im Hof stand ein Laster und zwei oder drei Männer waren am Arbeiten. Das Schulhaus schien immer noch sooo still. Ich ging rein, die breiten Steintreppen mit den vielen flachen Stufen hoch - erster Stock, nein, hier ist noch kein Sekretariat. Ich betrachtete Schülerarbeiten aus dem Kunst- und Werkunterricht - schöne, bunte Sachen, enes dem anderen ähnlich, ich vernahm nun auch deutlich leise Stimmen - wie angenehm, so eine Grundschule, wo es noch nicht die großen, lauten Rabauken gibt, wo alles noch so friedlich ist. Dann kamen mir Bilder von die Treppen runterlaufenden und -stürmenden Kindern in den Sinn, Kinder, die sich teils gegenseitig schubsen, die drängeln - hoffentlich fällt nich mal eines kopfüber diese Treppen runter! Friedlich - nein, wenn die Unterrichtszeiten vorbei sind, dann wird es durchaus wild.

Zweiter Stock - Fensterbilder an den großen Treppenhaus-Fenstern zum Schulhof hinaus, eine kleine Idylle: Willkommen in der Grundschule Rintheim. Da ist das Sekretariat/Rektorat - die Schulleiterin ist auch da. Sie kennt Samuel noch, ich richte ihr die Grüße aus, die er mir aufgetragen hat. Wir unterhalten uns kurz, und sie bedauert, daß er nun nur den Hauptschulabschluß macht. Sie hätte viel mehr in ihm gesehen. Ja, klar, wenn er zur Schule ginge, dann wäre er kein Hauptschüler. Aber die Tatsache, daß er nun bald den Hauptschulabschluß machen wird, macht ihn auch nicht zu einem Hauptschüler. Nach wie vor ist er ein selbständiger Lerner, nur lernt er mittlerweile mittels vorgegebener Materialien und das, was der Lehrplan vorsieht.

Es liegt in unserem System so ferne, den Bildungsweg, wenn er schon standardisiert wird und mit einheitlichen Prüfungen nach bestimmten Abschnitten bewertet wird, als einen langsam aufbauenden zu betrachten, mann macht erst einen Schritt (Hauptschulabschluß), dann den nächsten (Mittlere Reife), dann evt. noch einen (Abitur/Fachabitur). Es wird hier die jeweilige Abschlußprüfung als etwas so Endgültiges gesehen, das ist nicht richtig. Samuel macht nun den Hauptschulstoff, aber er ist natürlich geistig nicht einem Hauptschüler zu vergleichen. Daß er erstmal leichteren Prüfungsstoff angeht, macht ihn nicht zu einem weniger intelligenten Jugendlichen als er es eben ist.

Habe ich Samuel wirklich etwas genommen, dadurch, daß ich ihn nicht überredet habe, doch zumindestens eine Realschule zu besuchen? Auf dem Heimweg begegnen mir kleine Gruppen von Jugendlichen, sie gehen zu einem Sportvereinsheim, vielleicht haben sie dort Sportunterricht. Es ist klar, blauer Himmel, Schnee und Sonne - bilderbuchmäßig. Die Jugendlichen scheinen vergnügt. Nein, ich glaube nicht, daß Samuel wirklich etwas versäumt. Er hat ja auch seine plusminus gleichaltrigen FreundInnen, im Jugendhaus, gut da geht er halt nachmittags und abends hin, aber das liegt nun wieder daran, daß vormittags ja für die Anderen keine Wahlfreiheit besteht. Es wäre doch so viel spannender, wenn die Orte des Lernens, des Sportelns usw. einfach ganztägig offen wären und sich die SchülerInnen frei auswählen könnten, wann sie was und wo machen (oder ob sie mal einen Tag mit Muße zu Hause verbringen oder oder).

Jetzt bin ich fast wieder daheim, sehe schon unsere Wohnung mit den beiden bunten großen Handtüchern auf dem Balkon - wie sollen die bei der kalten Luft nur trocknen? Gut, Samuel lernt kein Französisch, er wollte früher mal Latein lernen, doch das hat sich irgendwie verlaufen, weil ich nicht richtig Zeit dafür hatte - aber ist das der Grund gewesen, daß Samuel die Idee des Lateinlernens wieder fallen ließ? Ich hatte Bücher für ihn, eine Grammatik, er wollte ein paar Spüche wie "in vino veritas" auswendig lernen, aber auch bei ihm selber schlief das Interesse irgendwie wieder ein. Hätte es festen Unterricht gegeben, vielleicht hätte er dann auch bald wieder die Lust am Lateinlernen verloren? Oder er hätte soviel "Futter" bekommen, daß er ein richtiger Lateiner geworden wäre? Was weiß ich denn noch groß von den Jahren Latein in der Schule? Ich kann gut Englisch und Französisch, aber ich brauche es auch, ich kommuniziere im wahren Leben mit englisch- und französischsprachigen Menschen. Würde ich Japanisch oder Chinesisch lernen? Ohje, das wäre mir doch viel zu kompliziert. Wer weiß, was mein Sohn in seinem Leben noch alles lernen wird, vielleicht viel mehr als ich? Der niemals beschulte Sohn einer Bekannten hat irgendwann als Jugendlicher angefangen, mit Begeisterung Japanisch zu lernen und lebt ud arbeitet heute in Japan.

Bildung, Wissen, Können, Kenntnisse, Fertigkeiten, Sprachgewandtheit, Umgangsformen und -sicherheit - nichts davon kann nur dadurch erlangt werden, daß wir es in der Schule lernen sollen, unterrichtet bekommen. Es ist nicht nötig, daß man einen jungen Menschen regelmäßig dabei sieht, daß er an bestimmten Aufgaben sitzt und diese durcharbeitet, vieles läuft innerlich oder nebenbei ab und ist ein Quell von Bildung und den anderen genannten Fähigkeiten.

Ob ich recht habe, daß die schulfreien Jahre Samuel keine Chancen genommen haben, daß sie ihm in seiner besonderen Situation vielleicht sogar eher eine Wohltat waren, das wird erst die Zukunft zeigen - für die Anderen. Für mich ist das längst klar, Außenstehende (die meisten unter ihnen) dagegen brauchen sichtbare "Beweise" (ein Abiturzeugnis oder ähnliches). Wenn ich an das stille und doch gefüllte Schulgebäude denke, dann hat doch unsere auch oft stille, manchmal dagegen von Charlottes Lautstärke erfüllte Wohnung, in der sich alle frei bewegen können ganz so wie sie es wünschen und brauchen, klar den Vorzug. Zu Hause und nicht schulend. Zu Hause und einfach aufnehmend, sich zurückziehend, miteinander kommunizierend, nach draußen tretend, Besucher einlassend usw. Viel Raum, viel Zeit, um in sich ruhend zu wachsen, und keine Beschränkungen, um in Interaktion mit Anderen zu treten und daran zu reifen.

2 Kommentare:

freiebildung hat gesagt…

Das sind ein paar tiefe Erkenntnisse über das Lernen, die wir Unschooler wohl jedes mal wieder von neuem begreifen müssen, wenn unsere Kinder nicht die Dinge lernen, die andere Kinder zur selben Zeit in der Schule lernen. Diese lernen es nicht wirklich - sie bekommen nur Noten und Zeugnisse.
Wegen Latein - vielleicht macht ihm Italienisch Spaß. Die leben noch und sprachlich ist es ungefähr dasselbe.

Elisa Mari hat gesagt…

Italienisch - ja, das würde mir gefallen. Und Samuel? Er hatte auch Gelegenheit, Französisch zu lernen, wir hatten eine Zeitlang relativ regelmäßige Kontakte zu französischen Unschoolern, aber von der Sprache blieb nichts hängen. Vielleicht ist Samuel einfach kein Sprachen-Freak - oder das alles kommt erst noch später :)