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Donnerstag, 30. April 2009

Von Kindern lernen ... (2)

Schon zweimal ist mir in den vergangenen Tagen beim Fahrradfahren eine Schnecke begegnet - das erste Mal ein richtig prächtiges, schon älteres Exemplar, wie man an ihrem Haus und ihrer Größe erkennen konnte, beim zweiten Mal die auf dem nebenstehenden Bild abgebildete noch etwas jüngere Schnecke.

Vor drei, vier Jahren haben wir gerne öfter die CD "Gucken, was der Mond so macht" von Linard Bardill und Lorenz Pauli gehört und teils selber die Lieder gesungen und mit Instrumenten begleitet. Da gibt es auch das Lied vom Kindergartenweg/Schulweg. "Auf dem Weg ist eine Schneck' und die Schnecke tu ich weg, weil sonst wer mit schnellem Schritt ihr bestimmt das Haus zertritt." Seitdem ich dieses Lied erstmals hörte, habe ich gelegentlich bewußt, und mit Schreck, wahrgenommen, daß ich gerade wieder mal das ganz frische, zarte Haus einer jungen Schnecke zertreten habe, wenn es in einer bestimmten Weise unter einem meiner Schuhe knirschte. Und seitdem setze ich Schnecken weg vom Asphalt oder von Lauf- und Fahrwegen ins Grüne, wenn ich sie rechtzeitig entdecke.

Kindergartenweg/Schulweg
(T: Pauli / M: Bardill)

Auf dem Weg ist eine Schneck'
und die Schnecke tu ich weg,
weil sonst wer mit schnellem Schritt
ihr bestimmt das Haus zertritt.

An der Strasse bleib ich stehn,
endlich kann ich rübergehn.
Drüben bei dem alten Haus
pflück ich einen Blumenstrauss.

Da ruft hinter mir ein Kind:
"Wart, und lauf nicht so geschwind."
Es erzählt vom Grosspapa
und was es im Fernsehn sah.

Wo das Bauloch ist, liegt Sand,
und ein Bagger steht am Rand.
Auch ein grosser Kran ist dort,
doch wir müssen leider fort.

Auf dem Platz, wo Bänke stehn,
können wir die Grossen sehn,
lassen uns nicht durch und drohn.
Etwas bibbern tun wir schon.

Endlich ist's geschafft, naja,
alle andern sind schon da.
Unser Weg ist eben weit,
und der Weg braucht seine Zeit.

Der Weg braucht seine Zeit - das erinnert mich immer wieder auch an diesen Ausspruch von Max Horkheimer (1952):
Der Prozess der Bildung ist in den der Verarbeitung umgeschlagen. Die Verarbeitung - und darin liegt das Wesen des Unterschieds - lässt dem Gegenstand keine Zeit, die Zeit wird reduziert. Zeit aber steht für Liebe; der Sache, der ich Zeit schenke, schenke ich Liebe; die Gewalt ist rasch.
Daran kann man in heutigen Zeiten nicht oft genug erinnern. Anstatt die Kinder immer früher ins Korsett des Erwachsenenlebens zu zwängen, sollten wir uns von ihrer Unbefangenheit und ihrem scheinbar verschwenderischen Umgang mit Zeit inspirieren lassen, um neue Maßstäbe auch für unsere Lebensweise zu setzen.